about SchplitZing
Engramme Fabian Wegmüller Atelier Video Noir 8064 Züruch +41'(0)79'794'96'46
... syn = zusammen; haptein = ergreifen, fassen, tasten
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He spoke to me of Sei Shonagon, a lady in waiting to Princess Sadako at the beginning of the 11th century, in the Heian period. Shonagon had a passion for lists: the list of 'elegant things,' 'distressing things,' or even of 'things not worth doing.' One day she got the idea of drawing up a list of 'things that quicken the heart.

Quellenangaben: Text: Chris Marker; Sans Soleil
I like to remember things my own way, not necessarily the way they happened...
Quellenangaben: Text: David Lynch; Lost Highway
One of the Youngest and Brightest Galaxies
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Quellenangaben: Bild: nasaimages.org;
Warum funktionieren Schnitte?
Tatsache ist, dass Apocalypse Now genau wie jeder andere Kinofilm - lediglich Hitchcocks Rope stellt eine Ausnahme dar - aus vielen verschiedenen Filmstücken besteht, die zu einem Bildermosaik zusammengefügt werden. Das Geheimnis dabei aber ist, dass das Zusammenfügen dieser Einzelteile tatsächlich zu funktionieren scheint, obwohl es bedeutet, ein Blickfeld augenblicklich und vollständig durch ein anderes zu ersetzen, wobei Ersetzen manchmal auch Sprünge vor und zurück in Zeit und Raum bedeuten kann.

Das alles funktioniert; aber es hätte leicht auch anders sein können, denn nichts in unserer Alltagserfahrung scheint uns darauf vorzubereiten. Vielmehr nehmen wir die visuelle Realität von dem Moment an, an dem wir morgens aufwachen, bis zu dem Augenblick, an dem wir Abends die Augen schliessen, als ununterbrochenen Strom miteinander verknüpfter Bilder wahr. Es ist eine Tatsache, dass seit Millionen von Jahren - Zehn-, Hundertmillionen von Jahren - alle Lebensformen auf der Erde die Welt auf diese Weise erfahren haben. Dann plötzlich, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wurden die Menschen mit etwas anderem konfrontiert - dem geschnittenen Film.
Quellenangaben: Text: Walter Murch: Ein Lidschlag, ein Schnitt
Methoden und Maschinen
Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich immer im Stehen arbeite: Mein KEM steht auf einem vierzig Zentimeter hohen Podest, damit er für mich die passende Höhe hat. Etwas, was mir immer an der Moviola gefallen hat, ist, dass man stehend an ihr arbeitet, sie dabei gewissermassen umarmt und mit ihr tanzt, weshalb es für mich frustrierend war, dass ich mich beim KEM hinsetzen musste. Ich habe sowohl The Conversation als auch Apocalypse Now auf diese Weise geschnitten, also im Sitzen, aber eine innere Stimme sagte mir fortwährend, dass etwas nicht stimmt. Als ich anfing Unbearable zu schneiden, habe ich daher den Kem auf zwei Holzkisten stellen lassen.
Filmschnitt ähnelt der Chirurgie - und hat man je von einem Chirurgen gehört, der sich hinsetzt, um eine Operation durchzuführen? Einen Film zu schneiden gleicht auch dem Kochen - und niemand setzt sich vor den Herd, um zu kochen. Am stärksten jedoch ähnelt das Schneiden dem Tanzen - der fertige Film ist eine Art kristallisierter Tanz -, und hat man je von einem Tänzer gehört, der sich zum Tanzen hinsetzt? 
Quellenangaben: Text: Walter Murch: Ein Lidschlag, ein Schnitt
Ein Lidschlag, ein Schnitt
"Der für mich perfekte Film wirkt so, als ob er hinter ihren Augen abläuft und von Ihren Augen selbst projiziert wird, so dass Sie das sehen, was Sie zu sehen wünschen. Filme sind wie Gedanken. Von allen Kunstformen kommt der Film dem Denkprozess am nächsten.
Sehen Sie zu der Lampe, die da drüben im Zimmer steht, hinüber. Jetzt sehen Sie wieder mich an. Dann sehen Sie wieder auf die Lampe. Und jetzt sehen Sie wieder zu mir. Haben Sie gemerkt, was Sie getan haben? Sie haben geblinzelt. Das sind Schnitte. Nach dem ersten Hinsehen wussten Sie, dass es keinen Grund gibt, den Blick ununterbrochen zwischen mir und der Lampe hin und her wandern zu lassen, weil Sie wissen, was sich zwischen den beiden Punkten befindet. Ihr Verstand schneidet die Szene. Zunächst sehen Sie auf die Lampe. Schnitt. Dann sehen Sie mich an."

Was Husten uns zu bedenken gibt, ist ein physiologischer Mechanismus - der Lidschlag -, der den scheinbar kontinuierlichen Fluss unserer visuellen Wahrnehmung unterbricht. Meinen Kopf mag ich leicht von der einen Seite des Raums zur anderen drehen, in Wirklichkeit aber zerschneide ich den Fluss der sichtbaren Bilder in bedeutungsvolle kleine Einheiten, um diese - in Hustons Beispiel "Lampe" und "Gesicht" - besser nebeneinanderzustellen und vergleichen zu können, ohne dass dieser Prozess von irrelevanten Informationen gestört wird. ...
Die Häufigkeit des Blinzelns scheint mir mehr auf unseren Gefühlszustand und die Art und Abfolge unserer Gedanken abgestimmt zu sein als auf die momentane Wetterlage. Sogar wenn, wie in Hustons Beispiel, der Kopf nicht bewegt wird, ist der Lidschlag entweder etwas, was die innerliche Trennung der Gedanken unterstützt, oder ein unwillkürlicher Reflex, der die vor sich gehende mentale Trennung begleitet.
Und nicht nur die Häufigkeit des Blinzelns ist von Bedeutung, sondern auch der tatsächliche Zeitpunkt des Blinzeln selbst. Fangen Sie mit jemandem ein Gespräch an, und beobachten Sie, wann Ihr Gesprächspartner blinzelt. Ich glaube, Sie werden feststellen, dass Ihr Zuhörer in genau dem Moment blinzelt, an dem er oder sie "begreift", was Sie sagen wollen, und keinen Augenblick früher oder später. Warum ist das so? Nun, unsere Sprache ist voll von nicht registrierten Ausschmückungen und Floskeln - die umgangssprachlichen Entsprechungen von "Sehr geehrter Herr" und "Mit freundlichen Grüssen" -, und wir zwängen die Essenz dessen, was wir sagen wollen, oft zwischen eine Einleitung und eine Schlussbemerkung. Der Lidschlag unseres Gegenübers erfolgt entweder, wenn ihm klar wird, dass die "Einleitung" vorüber ist und er nun etwas von Bedeutung zu hören bekommt, oder wenn er das Gefühl hat, dass man an Schwung verliert und vorerst nichts von Bedeutung mehr sagen wird.
Der Lidschlag erfolgt dort, wo ein Schnitt hätte erfolgen können, wenn dieses Gespräch gefilmt worden wäre. Und nicht ein einziges Bild früher oder später. 
Quellenangaben: Text: Walter Murch: Ein Lidschlag, ein Schnitt
Abenteuer erlebt nur der, der sie zu erzählen weiss. 
Quellenangaben: Text: Henry James
Das Ereignis ist nicht das, was passiert.
Das Ereignis ist das, was erzählt werden kann. 
Quellenangaben: Text: Allen Feldman
Film und Wirklichkeit
Einen anderen Enkel hingegen hat der Film so "beeindruckt und mitgerissen", dass er und seine Freundin "in Jerusalem sogar über die Mauer geklettert sind und da 'nen Stein auf sein Grab gelegt haben". Hier handelt es sich um eine direkte Umsetzung des filmischen Epilogs von "Schindlers Liste", in dem die Überlebenden zusammen mit den Schauspielern, die ihre historischen Rollen im Film darstellen, jeweils einen Stein auf das Grab Oskar Schindlers legen. Und wie Spielbergs Film mit diesem Epilog eine Schnittstelle zwischen Filmerzählung und Wirklichkeit etablierte, so verlängert der Befragte zusammen mit seiner Freundin an dieser Schnittstelle den Film in sein eigenes Leben, indem er einer Handlung folgt, die der Film geliefert hat. An dieser Schnittstelle fallen narrative Wirklichkeit des Films und die Handlungswirklichkeit des Betrachters, Medium und Erinnerung in eins. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Kommunikation als Montage
Ein Teil der Praxis dieser Koordinationsspiele besteht darin, dass jeder der Beteiligten "Sinn" in die kommunikativen Situationen hineinträgt: Man erschliesst das, was das Gegenüber beabsichtigt und tun wird, noch bevor dessen Handlung abgeschlossen ist - was sich wiederum an der Beobachtung von SPielzügen, z.B. Doppelpässen beim Fussball, ablesen lässt oder etwa dann, wenn Sie jemandem beim Telefonieren zuhören und automatisch zu ergänzen versuchen, was die Person am anderen, unhörbaren Ende der Leitung sagt. In all unseren sozialen Handlungen und im Sprechen sowieso ist also der andere immer schon enthalten. Das heisst: Unsere kommunikative Praxis besteht eigentlich in einem unablässigen Vorgang der Montage. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Projektionen
All dies erinnert nicht zufällig an die fotografischen Medien, die ihre Wirkungskraft nicht nur daraus beziehen, dass sie etwas projizieren, sondern auch daraus, dass im selben Mass auf sie projiziert werden kann: "Der Reichtum der Photographie", hat Edgar Morin geschrieben, "ist tatsächlich alles das, was nicht in ihr enthalten ist, was wir vielmehr in sie hineinprojizieren oder mit ihr verbinden." Im Film kommt dieses Prinzip noch mehr zur Geltung. Als G.A. Smith im Jahr 1899 die Bilder eines küssenden Paares und eines in einen Tunnel einfahrenden Eisenbahnzuges aneinandergeschnitten und damit die erste Montage der Filmgeschichte vorgenommen hat, ist eine narrative Struktur visualisiert worden, die darauf baut, dass der Betrachter immer das ergänzt, was in der Filmerzählung nicht gezeigt wird - nämlich den "Kuss im Tunnel" (so auch der Titel des Films). Erst in den Schnitten entsteht die Geschichte, d.h. in der aktiven Hinzufügung und Ergänzung durch den Betrachter, genauso wie in der erzählten und gehörten Geschichte. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Verlebendigung von Vergangenem
Lebensgeschichtliche Ereignisse zu erzählen ist selbst ein lebensgeschichtliches Ereignis: Es findet zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort unter Beteiligung bestimmter Personen statt - und das alles kann zu einem späteren Zeitpunkt wiederum erinnert und erzählt werden. Wenn es zutrifft, dass Erinnerung immer das Ereignis plus die Erinnerung an seine Erinnerung ist, dass sind Kommunikationen selbst Teil einer interaktiven Geschichte. In diesem Sinn besteht das kommunikative Gedächtnis immer in Formen der Verlebendigung von Vergangenem, das in diesem Prozess nie bleibt, was es war. Man kann das alles auch einfacher sagen, zum Beispiel so, wie Martin Walser zu Beginn seines Romans "Ein springender Brunnen": "Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird." 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Unser Gedächtnis weiss viel mehr, als wir selbst wissen.
Quellenangaben: Text: nach Harald Welzer in Das kommunikative Gedächtnis
Künstlerische Zugänge
Das kommunikative Gedächtnis, Eine Theorie der Erinnerung
... Im Grunde bin ich der Auffassung, das wir den Kern des kommunikativen Gedächtnisses, nämlich den, der in seiner Praxis selbst besteht, wissenschaftlich immer nur unzureichend und unvollständig erfassen können - ästhetische Zugänge wie literarische Autobiographien (wie etwa "Erinnerung, sprich!" von Vladimir Nabokov), Filme (wie etwa Chris Markers "Sans Soleil") etc kommen wegen ihrer Freiheit, ihre Überlegungen nicht belegen zu müssen, dem Phänomen des kommunikativen Gedächtnisses oft näher, als es mit den sperrigen Instrumenten der wissenschaftlichen Argumentation möglich ist.
Das gilt besonders dann, wenn man sich in das Feld der unbewussten Wahrnehmungs- und Gedächtnisbildungsvorgänge hineinwagt, die sich nur sehr eingeschränkt in wissenschaftlichen Begründungszusammenhänge einfügen lassen. Nehmen wir zum Beispiel die Überlegung, die der Entwicklungspsychologe Colwyn Trevarthen angestellt hat, der glaubt, dass sich bereits im Säuglingsalter beim Kind Repräsentationen seiner Bezugspersonen herausbilden, die die Art und Weise der Bewegungen, der Körperhaltung, der Gesten dieser Personen umfassen. Wie sollte man solch eine durchaus plausible Annahme verifizieren? Man würde damit grösste Schwierigkeiten haben, denn wir wissen ja nicht, was das Baby weiss, sondern können das nur über Umwege und in vorsichtiger Annäherung erschliessen. Und deshalb möchte ich diese einleitenden Überlegungen mit einer kurzen Geschichte beschliessen, die mich fasziniert, seit sie geschehen ist. Vielleicht, aber da fängt mein Gedächtnis schon an, die Vergangenheit zu erfinden, vielleicht liegt in dieser Geschichte auch der erste Anstoss, dieses Buch zu schreiben.
Sie geht einfach so, dass ich mit meinem Sohn Nicholas, als er vielleicht zweieinhalb Jahre alt war, Fotoalben durchblätterte. Als das oben abgebildete Foto kam, drückte er spontan seinen Zeigefinger auf die linke Person und sagte "Papa!". Diese Identifizierung war richtig, nur dass "Papa" auf diesem Foto zwanzig Jahre jünger ist, ziemlich anders aussieht als heute und obendrein nur von hinten zu sehen ist. Was also hat das Kind dazu veranlasst, auf diesem Foto erstens überhaupt etwas Signifikantes zu entdecken und dieses Signifikante dann auch noch sicher von der zweiten Person auf dem Foto zu unterscheiden? Ich habe ihm das Bild später noch mehrmals gezeigt, das Ergebnis war jedesmal dasselbe. Kann es sein, dass das Gedächtnis des kleinen Jungen eine Repräsentation der Gesamtgestalt seines Papas Gebildet hatte, die deutlich mehr als das äussere Erscheinungsbild umfasste und die gerade darum in jenem zwei Jahrzehnte alten Rückenportrait wiedererkennbar war? Sei es, wie es sei. Jedenfalls weiss unser Gedächtnis viel mehr, als wir selber wissen, und einige Gründe dafür, warum das so ist, finden Sie in den folgenden Kapiteln... 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis; Erstes Bild: Chris Marker; Zweites Bild: Harald Welzer;
Zeit
Die Zeit ist ein sozial erzeugtes Orientierungsmittel, keine Objektive Grösse
Zeit ist also keineswegs etwas Objektives, weshalb genialische naturwissenschaftliche Bemühungen wie Stephan Hawkings "Kleine Geschichte der Zeit" vollständig dsa Thema verfehlen. Zeit ist ein historisch relativ junges, sozial erzeugtes Orientierungsmittel, das uns eben deshalb als etwas Abstraktes und Verdinglichtes gegenübertritt, weil wir Zeit ja vor allem auch als ein Regulativ erleben, das unser Leben strukturiert und unsere Vergänglichkeit mit Nachdruck dokumentiert. Und sie tritt uns vor allem deshalb als etwas scheinbar Objektives gegenüber, weil wir in unserer eigenen Ontogenese einen Zeitbegriff gebildet haben, der sich auf etwas zu beziehen scheint, das ganz und gar unabhängig von uns existiert.An diesem Doppelcharakter der Zeit - dass sie einerseits als etwas Objektives (und zuweilen höchst Lästiges) in der subjektiven Erfahrung erscheint und dass sie andererseits gar keine ontologische Existenz hat, sondern sozial gebildet ist - kann man sich noch einmal verdeutlichen, dass die menschliche Onto- und Phylogenese co-evolutionär ist. Wenn auf der Ebene der Phylogenese seit etwa viertausend Jahren Zeitkonzepte entwickelt werden, die soziale Zeit zunehmend von abstrakter Zeit entkoppeln, dann bedeutet dsa ontogenetisch, dass diese Auffassung von Zeit schon immer Teil der Entwicklungsumwelt ist, in der das Kind heranwächst. Dasselbe gilt für die Sprache und für jedes ander symbolische Orientierungsmittel, das Menschen im Zug der Phylogenese entwickelt haben.Insofern führt das scheinbare Paradox, von dem Piaget spricht - dass nämlich die von Uhren repräsentierten Zeitintervalle anhand natürlicher Abläufe gebildet sind, die ihrerseits nur mit Hilfe von Uhren als solche Abläufe beschrieben werden konnten -, mitten hinein in einen Umstand, der für die menschliche Ontogenese von entscheidender Bedeutung ist, gleichwohl aber fast immer vergessen wird: dass es die von Menschen gebildeten kulturellen Symbolisierungen sind, die kleine Kinder lernen, wenn sie sich entwickeln. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Kommunikation
Unablässig produzieren wir Sätze oder Satzteile, deren erwartete Interpretation durch unser Gegenüber schon Bestandteil ihrer Erzeugung ist (wie Umberto Eco scharfsinnig bemerkt hat). Genau darin liegt, dass wir selbst immer schon Teil der Handlungen unseres gegenübers sind und umgekehrt. Kommunikationstheoretische Modelle, die Interaktion nach Sender und Empfänger aufschlüsseln, gehen an diesem grundlegend sozialen Charakter von Kommunikation vorbei: Das, was der eine Sprecher sagt, ist so sehr ein gemeinsames soziales Produkt wie das, was der andere sagt. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Dramaturgische Muster
[...] wir alle haben im Prozess des "memory talk", in der gemeinsamen Praxis des konversationellen Erinnerns, durch jedes gelesene Buch und jeden gesehenen Film gelernt, dass eine richtige Geschichte einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss hat und dass sie bestimmten Grundmustern zu folgen hat, um kommunizierbar zu sein. Diese Grundmuster sind, Hayden White zufolge, die Komödie, die Tragödie, die Satire und die Romanze. Natürlich fallen die Ausprägungen solcher narrativen Grundmuster kulturspezifisch unterschiedlich aus, weil der "Sinn", den die Geschichten transportieren bzw. dem Leser oder Hörer eröffnen, nur ein kulturell geprägter Sinn sein kann. Dazu gehört essentiell die Unterscheidung von Vergangenheit, gegenwart und Zukunft, deren Verhältnis zueinenander interkulturell durchaus verschieden - etwa linear oder zyklisch - ausfallen kann. Zu den Elementen, die eine Geschichte zu einer gelungenen, das heisst zu einer sozial geteilten und akzeptierten Geschichte machen, gehören Kenneth Gergen zufolge ein "werthaltiger Endpunkt" und die strukturierung der einzelnen Erzählelemente auf diesen Endpunkt hin. In diesem Sinn vertritt auch Gergen die Auffassung, dass das Gedächtnis ein "diskursives Artefakt" ist und das Erzählen selbst immer auch Erinnern ist. "Das bedeutet, dass wir unter gewissen Bedingungen bestimmte Handlungen insgesammt als 'sich erinnern' betrachten. [...] Indem man das Gedächtnis bzw. die Erinnerung für eine diskurisive Leistung hält, schlägt man auch vor, 'ein Gedächtnis' zu haben hiesse, an einer kulturellen Tradition teilzuhaben. Von einer Vergangenheit zu sprechen bedeutet, sich in eine Tradition der Sprache zu stellen, für die die Regeln für das Erzählen wohlgeformter Geschichten angemessen sind."
Man kann das präzisieren, indem man, wie etwa der Sozialpsychologe Erving Goffman, darauf hinweist, dass nicht erst die Weitergabe von Erlebtem solchen Mustern und Regeln folgt, sondern schon die Wahrnehmung und Interpretation des Geschehens in dem Augenblick, in dem es passiert. Kulturelle Rahmen sind bereits im individuellen Bewusstsein als Strukturierungsmatrizen für die Verarbeitung von Informationen wirksam - und das bedeutet, dass wir es bei dem Phänomen des Imports vorgestanzter Erlebnisse in die eigene Lebensgeschichte mit einem zirkulären Vorgang zu tun haben: Denn wenn sich zum Beispiel Sequenzen aus Spielfilmen als passend für die Konstruktion von "selbsterlebten" Kriegsgeschichten erweisen, dann auch deswegen, weil sie vielleicht umgekehrt eine Art gemeinsame Summe von Erlebnis- und Erfahrungsfragmenten bilden, die vielen ehemaligen Soldaten so oder ähnlich vollständig oder in Teilen, tatsächlich begegnet sind. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Historisches intertextuelles Gewebe
[...] Der Umstand aber, dass einem vieles doch bekannt vorkommt und manches sehr dicht zuzuordnen ost, ost selbst ein Beleg für die Kommunikativität des Gedächtnisses: Denn es ist ja eine gemeinsame Erinnerung, die wir mit Herrn Semper teilen, wenn er seine Vergangenheit im Narrativ con "Die Brücke" gestaltet, und gemeinsam mit Herrn Wieck teilen wir die Erinnerung an "Im Westen nichts Neues" und an "08/15". Und deshalb wäre auch die Vorstellung falsch, die Erzähler würden ausschliesslich nachträgliche Versatzstücke aus interessanten Geschichten in ihre eigene importieren, sie in Erzählsituationen sukzessive weiterentwickeln, ausbauen, erproben und perfektionieren. All dies ist zweifellos oft der Fall, aber schon die Geschichten, deren Elemente ausgeborgt werden, sind ja Teil eines sozialen, kulturellen und historischen intertextuellen Gewebes, eines verteilten Gedächtnisses, und so wie den literarischen und filmischen Vorlagen, die die Erzähler verwenden, ihrerseits bereits typisierte Erzählmuster zugrunde liegen, die älteren Medien wie der mündlich weitergegebenen Geschichte, dem Märchen etc. entstammen, so können sie selbst wieder nur als treffende Formulierung von Generationserfahrungen (und damit erfolgreich) werden, wenn sie ein Narrativ erzeugen, das auf eine gemeinsame Erfahrungs- und Kommunkationsebene der Leser oder Betrachter trifft. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Ein Flackern im Stromkreis des geschichtlichen Lebens
[...] Dabei hat isch gezeigt, dass dieses Gedächtnis, das wir für den Kernbestand unseres Selbst halten, viele Aspekte aufweist, die sich im Zusammensein mit anderen nicht nur gebildet haben, sondern auch nur dort lebendig werden Und es hat sich auch gezeigt, dass wesentliche Aspekte unseres Selbst und unserer Entscheidungen an Intuitionen und Assoziationen gebunden sind, die wir nicht immer - vielleicht sogar eher selten - bewusst steuern, sondern durch die unser Handeln angeleitet und - vielleicht gar nicht so selten - gesteuert wird. Dieser eigentümliche Zusammenhang zwischen einer relativen individuellen Autonomie und Selbstbewusstsein auf der einen Seite und einer ausgeprägten Sozialitäts- und Körperabhängigkeit auf der anderen Seite bestimmt unsere Existenz, und das autobiographische Gedächtnis übernimmt dabei die Aufgabe, diesen Zusammenhang zu synthetisieren und eine Kontinuität zwischen den beiden Seiten herzustellen, die uns gar nicht bewusst ist, so dass wir uns beständig eines scheinbar gleichbleibenden Ich - über alle Zeiten, über alle Situationen hinweg - versichern können. Dieses Ich (und alles, was wir als unsere Identität bezeichnen, die wir aus unserer Lebensgeschichte und der Vergangenheit der Erinnerungsgemeinschaft schöpfen, zu der wir gehören) ist in gewisser Weise ein Selbstmissverständnis, allerdings ein notwendiges und sinnreiches. Hans-Georg Gadamer hat genau das gemeint, asl er davon gesprochen hat, dass die Autobiographie die Geschichte "reprivatisiere": "In Wahrheit gehört die Geschichte nicht uns, sondern wir gehören ihr. Lange bevor wir uns in der Rückbesinnung slebst verstehen, verstehen wir uns auf selbstverständliche Weise in Familie, Gesellschaft und Staat, in denen wir leben. Der Fokus der Subjektivität ist ein Zerrspiegel. Die Selbstbestimmung des Individuums ist nur ein Flackern im Stromkreis des geschichtlichen Lebens." 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Engramm
von griechisch en, "hinein", und gramma, "Inschrift"
Engramm ist eine allgemeine Bezeichnung für eine physiologische Spur, die eine Reizeinwirkung als dauernde strukturelle Änderung im Gehirn hinterlässt. Die Gesamtheit aller Engramme – es sind Milliarden – ergibt das Gedächtnis. Nach Richard Semon (1904) ist ein Engramm ein Erlebniseindruck, der eine Gedächtnisspur hinterlässt und somit Element des Gedächtnisses ist. Diese Auffassung setzt die Eigenschaft der organischen Substanz voraus, Gedächtnisspuren länger zu bewahren. Karl Lashley unternahm umfangreiche, jedoch erfolglose Forschungen, um Engramme im Gehirn zu lokalisieren. Er suchte jedoch nur im Cortex des Gehirns. Richard F. Thompson suchte Engramme hingegen im Cerebellum (Kleinhirn).Donald O. Hebb, der Begründer aller physiologischen Gedächtnistheorien, bestätigte 1949 die Beobachtungen seiner Vorgänger in seinen Untersuchungen zu Gedächtnisinhalten. Er sprach dabei von der Theorie der eingeschliffenen Bahnen. Ein Engramm kann man demnach mit Aristoteles durch das Bild veranschaulichen, das ein Siegelring in Wachs drückt.Nach heutigem Verständnis sind Engramme in den Erregungsleitungen zu finden. Die Vorstellung, einzelne oder mehrere lokal eingrenzbare Neuronen speicherten jeweils ein Engramm, ist überholt (Stichwort: Großmutterneuron). Synapsen (Kontaktstellen zweier Nervenzellen zur chemischen oder elektrischen Signalübertragung) werden durch häufige Verwendung, längeren Nichtgebrauch oder Koinzidenz verändert (verstärkt, neu gebildet oder gelöst). Dadurch ändern sich die Erregungsleitungen und so auch die Engramme. Letztlich realisieren Engramme Funktion. Bei jeder Handlung und jeder Situation greift das Gehirn auf Engramme zurück.
Quellenangaben: Text: Wikipedia
Muster der Erinnerung
Wenn Menschen sich an Personen oder Ereignisse erinnern, zeigt das Gehirn ein Aktivitätsmuster wie zu der Zeit, als diese Personen und Ereignisse erstmals wahrgenommen wurden. Das berichten Forscher um Sean M. Polyn von der Universität von Pennsylvania heute in "Science". Sie hatten Probanden Bilder von Gebäuden, Persönlichkeiten und Alltagsgegenständen vorgelegt und dabei die Hirnaktivität gemessen. Später wurden sie aufgefordert, sich an möglichst vieles zu erinnern. Dabei zeigten sich die gleichen Muster - die zudem noch spezifisch waren: Noch bevor die Probanden die erinnerten Dinge und Personen benannten, konnten die Forscher an der Hirnaktivität erkennen, ob gleich ein bekanntes Gebäude, ein Alltagsgegenstand oder eine Persönlichkeit benannt werden würde.
Quellenangaben: Text: Welt Online
Unpräzise Erinnerung
Wir modellieren unsere Erinnerungen
Die Erinnerungsspuren oder Engramme, die die Erfahrungen im Gehirn repräsentieren, sind nun nicht - wie man lange Zeit annahm - an bestimmten Stellen des Gehirns zu finden, sondern als Muster neuronaler Verbindungen über verschiedene Bereiche des Gehirns verteilt und als solche, verändert oder unverändert, abrufbar. "Dabei wird zunächst ein Teil der Komponenten, die eine bestimmte Erfahrung konstituieren, relativiert, woraufhin sich dann die Aktivierung auf die übrigen konstruierenden Komponenten der Erfahrung ausweitet." (Piefke 1999) Sich zu erinnern bedeutet mithin, assoziativ Muster zu aktivieren, und bei diesem komplexen Vorgang kann einiges mit dem Erinnerungsinhalt geschehen. Schon intuitiv leuchtet ein, dass dieser Prozess der Muster-Vervollständigung so vielfältigen internen und externen Einflüssen unterliegt, dass von einer authentischen Erinnerung an die Situation und das Geschehen, die sich bei jemandem als eine Erfahrung niedergeschlagen haben, nur im seltenen Grenzfall auszugehen ist. Im Regelfall leistet das Gehirn eine komplexe und eben konstruktive Arbeit, die die Erinnerung, sagen wir: anwendungsbezogen modelliert.
Allgemein, so resümiert Daniel Schacter seinen umfangreichen Überblick über die Befunde der neurowissenschaftlichen Gedächtnisforschung, liesse sich denn auch festhalten, dass unsere Gedächtnisse einigermassen ordentliche Arbeit im Aufbewahren der allgemeinen Konturen unserer Vergangenheit und im Festhalten vieler Ereignismerkmale leisten, dass die Präzision dieser Erinnerungsarbeit aber aus vielerlei Gründen arg begrenzt ist. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
[...] es ist ziemlich wahrscheinlich, dass wir alle unseren eigenen Lebensgeschichten Elemente und Episoden beigefügt haben, die andere - fiktive oder reale - Personen erlebt haben und nicht wir selbst. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Lernen
Wie das Gehirn Informationen verknüpft
Bewusstes Lernen findet jedoch immer auf der Grundlage von Erfahrungen statt. Neues wird ständig mit Bestehendem verknüpft. Es ist kein Zufall, dass während der Evolution zum Menschen nicht die sensomotirische Hirnrinde sich am meisten vergrössert und differenziert hat, sondern die assoziative Hirnrinde. Diese verarbeitet Information, stellt Verbindungen zwischen Bekanntem und Neuem her und schafft Bedeutung.
Quellenangaben: Text: Norbert Herschkowit; Das Gehirn
Phantomgegenwart
Was uns denken lässt.
... Deutlich wird das Problem von Repräsentation, Bedeutung und Gedächtnis am Fall eines Patienten, der einen Arm verloren hat. Wie so häufig erzeugt das Gehirn einen "Phantomarm", offensichtlich in dem Bestreben, ein einheitliches Ichgefühl aufrechtzuerhalten. Für den Patienten schmerzt der Phantomarm. Das Gehirn weiss, dass die Extremität nicht mehr vorhanden ist; der Schmerz ist eine Folge des Widerspruchs zwischen dem, was das Gehirn "sieht" (kein Arm) und dem "Gefühl" des vorhandenen Armes, das es erzeugt, um ein einheitliches Ichgefühl in Kontinuität mit der Vergangenheit zu bewahren. Solche Schmerzen werden nicht durch äussere Reize verursacht und lassen sich nicht mit Schmerzmitteln bekämpfen.
Ein berühmter Fall war der eines jungen Mannes, der bei einem Motorradunfall eine Hand verloren hatte. Das Therapieverfahren entwickelte V. S. Ramachandran, der es in dem Buch Die blinde Frau, die sehen kann zusammen mit Sandra Blakeslee auch beschrieben hat. Der Patient steckte die gesunde Hand auf einer Seite in eine Kiste, auf der anderen Seite tat er so, als würde er die Phantomhand ebenfalls hineinstecken. In einem Teil der Schachtel war ein senkrechter Spiegel angebracht, der das Bild der gesunden Hand auf die Seite der fehlenden Hand projizierte. Dieses Bild beobachtete der Patient, und dabei sollte er mit beiden "Händen" ähnliche Bewegungen ausführen. Auf diese Weise wurde dem Gehirn eine echte Bewegung der verlorenen Hand vorgegaukelt. Plötzlich verschwanden die Schmerzen. Obwohl dem jungen Mann völlig klar war, dass er an der Nase herumgeführt wurde - immerhin lag in einem Teil der Schachtel der amputierte Armstumpf -, war das visuelle Bild stärker als das Bewusstsein getäuscht zu werden. Sehen heisst Glauben! Die Schmerzen - Folge des Widerspruchs zwischen der vom Gehirn erschaffenen Phantomextremität und der visuellen Erkenntnis, das die Extremität nicht existiert - verschwanden; das Gesehen (die Hand im Spiegel) passte nun zum Gefühlten (dem Phantom).
Die italienische Neurologin Angela Sirigu, die ein ähnliches Experiment mit Videoaufnahmen anstelle des Spiegelbildes machte, meint dazu: "Der Phantomschmerz hat seine Ursache in dem Missverhältnis zwischen dem Selbstbild und dem geschädigten Körper. Wenn man sieht, wie die geschädigte Hand wieder funktioniert, verringert sich das Missverhältnis sogar dann, wenn der Patient weiss, dass er getäuscht wird."
Im einen Augenblick spürt der Patient eine schmerzende Phantomextremität, im nächsten sieht er das Spiegelbild der gesunden Hand, und die Schmerzen verschwinden. Dies ist eines von vielen Beispielen für das, was man in der Neurologie als Jekyll-und-Hyde-Syndrom bezeichnen könnte: Der Patient sieht und erlebt zu bestimmten Zeiten eine Welt und zu anderen Zeitpunkten eine ganz andere. Mit Hilfe der Phantomextremität erhält das Gehirn sein Bild des Körpers aufrecht - jenes Ichgefühl, das für eine widerspruchsfreie Gehirntätigkeit unentbehrlich ist. Wie im Fall der Farben lassen auch die Phantomgliedmassen darauf schliessen, dass alles, was wir sehen, hören, fühlen, Erfindungen des Gehirns sind - eine Integration von Vergangenheit (der verlorenen Extremität) und Gegenwart (einem Phantom, das unentberhlich ist, wenn das Gehirn weiterhin "normal" funktionieren soll).
In der Regel betrifft eine Erinnerung nicht nur das Ereignis, die Person oder den Gegenstand, die erinnert werden, sondern auch die Person, die sich erinnert. Erinnerungen sind von ihrem Wesen her keine mechanischen, sondern subjektive Wiedergaben; und ein wesentlicher Bestandteil dieser subjektiven psychologischen Vorgänge besteht darin, dass jedes erinnerte Bild einer Person, eines Ortes, eines Gedankens oder eines Objekts zwangsläufig explizit oder implizit einen grundlegenden Bezug zu der Person enthält, die sich erinnert.
Unser bewusstes Leben ist eine ständiges Fliessen, die Integration einer unmittelbaren Vergangenheit und der Gegenwart - Henri Bergson sprach vom souvenir du présent (1908), Edelmann bezeichnete es in jüngerer Zeit (1989) als remembered present. Bewusstsein besteht nach dieser Vorstellung weder aus erinnerten Repräsentationen noch aus der unmittelbaren Gegenwart, sondern ist qualitativ etwas ganz anderes (so wie auch Farben qualitativ etwas anderes sind als die Helligkeit oder Dunkelheit verschiedener reflektierter Wellenlängen).
Quellenangaben: Text: Lettre International 83; Israel Rosenfield, Edward Ziff; Zweites Bild: Sangwon Park;
Spiegelnde Neuronen
Was uns denken lässt.
Wie wichtig das Körperbild und die motorische Tätigkeit für Wahrnehmungen, Körperbewegungen und Denken sind, zeigt sich auch an den "Spiegelneuronen", die Giacomo Rizzolatti und seine Kollegen kürzlich entdeckten. Ihre Beobachtung: Wenn ein Affe nach einem Gegenstand greift, geben die gleichen Neuronen Impulse ab wie in einer Situation, in der ein Affe zusieht, wie ein Wissenschaftler nach dem gleichen Gegenstand greift. Offenbar versteht der Affe, was der Wissenschaftler tut, weil in seinem Gehirn ähnliche Vorgänge ablaufen, egal ob der Affe dem Wissenschaftler bei der Tätigkeit zusieht oder die Tätigkeit selbst ausführt. Überraschenderweise sind die gleichen Neuronen, die "motorische Tätigkeiten" (Tätigkeiten unter Beteiligung von Muskelbewegungen) erzeugen, auch dann aktiv, wenn der Affe andere bei der gleichen Tätigkeit beobachtet.
In ihrem neuen Buch Empathie und Spiegelneurone schreiben Rizzolati und Sinigaglia: "Die strenge Trennung zwischen Wahrnehmung, motorischen und kognitiven Prozessen ist zum grössten Teil künstlich; die Wahrnehmung ist offenbar nicht nur in die Dynamik des Handelns eingebettet, so dass sie viel stärker aus Einzelelementen zusammengesetzt ist, als man früher annahm, sondern das tätige Gehirn ist auch und vor allem ein verstehendes Gehirn."
Das wir die Tätigkeiten anderer verstehen und erkennen, liegt an den Spiegelneuronen. Dieses Verständnis, so Rizzolatti und Sinigaglia,
"hängt zuallererst von unseren motorischen Neuronen ab." Unsere Fähigkeit, die Gefühle anderer zu verstehen und darauf zu reagieren, beruht wahrscheinlich auf der Fähigkeit unseres Gehirns, die Neuronentätigkeit der beobachteten Person nachzuahmen.
Wenn wir einen Freund weinen sehen, empfinden wir Mitgefühl, weil sich in unserem Gehirn eine ganz ähnliche Tätigkeit abspielt wie im Gehirn der Person, die weint. Abscheu erkennen wir bei einem anderen Menschen aufgrund unserer eigenen Erfahrungen mit dem entsprechenden Gefühl und der damit verbundenen Neuronentätigkeit.
Rizzolatti und Sinigaglia schreiben:
"Unsere Wahrnehmungen der motorischen Tätigkeiten und emotionalen Reaktionen anderer werden offenbar durch ein Spiegelmechanismus vereinigt, der es unserem Gehirn ermöglicht, sofort zu verstehen, was wir sehen, fühlen oder uns unter den Tätigkeiten anderer vorstellen, weil es die gleichen neuronalen Strukturen in Gang setzt ..., die auch für unsere eigenen Tätigkeiten und Gefühle verantwortlich sind."
Quellenangaben: Text: Lettre International 83; Israel Rosenfield, Edward Ziff;
Gedächtnissysteme
Die neuere neurowissenschaftliche Gedächtnisforschung unterscheidet im wesentlichen fünf Typen von Gedächtnissystemen, die untereinander jeweils noch differenzierbar sind.
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Es ist eine sehr einfache Erfahrungstatsache, dass es Erinnerungen gibt, die man in vollem Bewusstsein absichtsvall wieder "hervorholen" und möglichst deteilliert zu erinnern versuchen kann - biografische Wendepunkte, abenteuerliche Erlebnisse, aber auch anekdoten. Die Modi dieses "Vor-Augen-Führens" können sehr unterschiedlich sein: indem man intensiv an die entsprechenden Begebenheiten denkt, indem man sie jemandem erzählt, indem sie innerhalb einer Gruppe, die diese Erinnerung teilt, ausgetauscht wird, indem Erinnerungsgemeinschaften wie die Familie aus ganz persönlichen Anlässen - Hochzeitstage, Geburtstage, Jubiläen etc - gemeinsam Ereignisse aus der Vergangenheit rekonstruieren usw. Die Gesamtheit dieser expliziten, intentionalen Akte des Erinnerns, bei denen man sich auch bewusst ist, dass man sich erinnert, bildet das episodische Gedächtnis. Es bildet die Basis dafür, dass einzelne Zusammenhänge aus unserer Vergangenheit und unserem biographischen Erleben als lebensgeschichtliche Episoden, als "meine" Vergangenheit konturiert werden können.

Die Inhalte des semantischen Gedächtnisses, das neuerdings etwas zutreffender auch als "Weltwissen" oder "Wissenssystem" bezeichnet wird, sind ebenfalls grundsätzlich bewusst verfügbar, sind aber kontextfrei und beziehen sich auf Wissensinhalte, wie man sie in der Schule gelernt hat oder wie sie in den beliebten Quizsendungen im Fernsehen abgefragt werden. 

Es gibt aber eine vermutlich weit grössere Fülle von Erinnerungen, die aktiviert werden, ohne dass man sich bewusst wäre, dass man sich gerade erinnert: das Sprechen einer Sprache, das Einhalten grammatischer Regeln, die Fähigkeit, eine Unzahl von Zeichensystemen dechiffrieren zu können, Tischsitten einhalten zu können usw - all dies sind Erinnerungen, die die Grundsemantik unserer Alltagsorientierung bilden, ohne dass wir sie, wenn wir sie einmal gelernt haben, uns bewusst vergegenwärtigen müssten. Dieser Komplex wird als prozedurales Gedächtnis bezeichnet; er bildet ein Subsystem des impliziten, nicht-deklarativen Gedächtnisses, weil seine Inhalte allenfalls dann bewusst erinnerbar sind, wenn das Gedächtnis nicht perfekt funktioniert: wenn man also Schwierigkeiten mit den unregelmässigen Verben in einer Fremdsprache hat, wen man bei einem Festbankett Rotwein ins Wasserglas schüttet etc.

Beim perzeptuellen Gedächtnis geht es um das Erkennen von Reizen, die einem schon mal begegnet sind. Dieses System nimm eine Zwischenstufe zwischen den bewussten und unbewussten Formen des Gedächtnisses ein, da ein Wiedererkennen ja auch ein höchst absichtsvoller, also bewusster Vorgang sein kann. Das erkannte Objekt muss übrigens nicht identisch mit dem sein, das man schon einmal wahrgenommen hat; einige charakteristische Merkmale genügen, um eine entsprechende Zuordnung zu ermöglichen. Als erfahrungsbasiertes Gedächtnissystem stellt das perzeptuelle Gedächtnis schon eine recht komplexe Funktionseinheit dar und entwickelt sich ontogenetisch auch erst später als Priming und prozedurales Gedächtnis.

Das Phänomen des "Priming" zeigt ebenfalls kein Symbolisierungspotential und damit auch keine reflexive Zugänglichkeit; es bezeichnet das verblüffende Phänomen, dass unser Gehirn offensichtlich auch dann permanent Reizwahrnehmungen verarbeitet, wenn wir das überhaupt nicht bemerken: also in den Randbereichen unserer Aufmerksamkeit, aber auch in Zuständen von Bewusstlosigkeit, also im Schlaf oder in der Narkose. Mit Hilfe einfacher Worterinnerungstests lässt sich zeigen, dass Erinnerungsleistungen der Testpersonen regelmässig dann besser ausfallen, wenn sie in irgendeinem Zusammenhang zuvor schon einmal den entsprechenden Begriffen begegnet sind - und zwar ganz unabhängig davon, ob diese Begegnung überhaupt die Schwelle der bewussten Wahrnehmung erreicht hatte. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang die Kampagne von Coca-Cola aus den fünfziger Jahren, die darin bestanden hatte, bewusst nicht wahrnehmbare Filmschnipsel mit dem Firmensignet in Spielfilme zu schneiden, was in den Kinobesuchern ein unstillbares Bedürfnis nach ebendiesem Getränk hervorrief; weniger bekannt ist der Effekt, dass sich die Genesungschancen von postoperativen Patienten messbar verbessern, wenn ihnen während der Narkose erzählt wird, dass ihre Operation glänzend verlaufe und sie bald wieder gesund seien. Bei narkotisierten Patienten lässt sich auch der Priming-Effekt nachweisen, wenn sie später Erinnerungstests unterzogen werden.
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis; Bild: Einteilung des Langzeitgedächtnisses nach Markowitsch;
Erinnern und Vergessen
Widerfahrnisse und Erlebnisse nehmen erst mit dem Spracherwerb im Bewusstsein Gestalt an als Erfahrung und Erinnerung, werden also in symbolvermittelter Interaktion geformt und werden selbst in sozialer Kommunikation wieder mitteilbar.Soziale und individuelle Erinnerung sind in diesem Sinne genauso untrennbar voneinander wie Erinnern und Vergessen. Ein erlebnis wird erst zur Erfahrung, wenn es reflektiert wird, und reflektieren bedeutet, der Erfahrung eine Form zu geben. Diese Form kann nur sozial vermittelt sein; anders, steht sie dem Individuum nicht zur Verfügung und wäre im übrigen auch nicht kommunizierbar. Es ist einleuchtend, dass die Niveaus und die Operationen der vier hier nur in allergröbster Vereinfachung dargestellten Gedächtnissysteme jeweils auch unterschiedliche Modi des Behaltens und Vergessens implizieren: Prozedurale Gedächtnisinhalte, das zeigen insbesondere Untersuchungen an hirngeschädigten Patienten, sind offenbar ausgesprochen resistent gegen Verluste - schwimmen verlernt man nicht. Dagegen sind semantische, in noch viel stärkerem Masse Masse aber episodische Gedächtnisinhalte höchst verletzlich gegenüber physischen Schädigungen, aber auch gegenüber altersbedingten und psychogenen Störungen: Schonunterbrechungen kleinster Verbindungen zwischen neuronalen Netzen können zu Totalausfällen episodischer Erinnerung führen, während dsa semantische und erst recht dsa prozedurale Gedächtnis erhalten bleiben.Das Gefühl, über ein identisches kohärentes Selbst zu verfügen, gründet im wesentlichen auf expliziten, episodischen Erinnerungen an Elemente der eigenen Lebensgeschichte, während die Elemente der der Persönlichkeit selbst viel stärker an implizite Erinnerungen gebunden sind. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Wilkomirski/Dössekker
Erinnerung und Authentizität
Erinnern Sie sich an den Fall Wilkomirski/Dössekker, der vor einigen Jahren beträchtlichen Wirbel in den Feuilletons angerichtet hat? Hier ging es um die Autobiographie einer Person, die als Kind den Holocaust überlebt hatte und diese Kindheit in einem eindrucksvollen Buch aus der perspektive des Erwachsenen erinnerte. "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939 - 1948" war denn auch der authentizitätsverheissende Titel, und der Autor Binjamin Wilkomirski, der in Wahrheit Bruno Dössekker heisst, berief sich nicht zufällig auf die Wahrheit der visuellen Repräsentation des Erlebten, wenn er schrieb: "Meine frühen Kindheitserinnerungen gründen in erster Linie auf exakten Bildern meines fotografischen Gedächtnisses und den dazu bewharten Gefühlen - auch denen des Körpers. Dann kommt die Erinnerung des Gehörs und an Gehörtes, auch an Gedachtes und erst zuletzt die Erinnerung an Selbstgesagtes."
Der durchschlagende Erfolg von Wilkomirskis erfundener Autobiographie war wohl in hohem Masse darauf zurückzuführen, dass das Buch mit dem Import medialer Vorlagen arbeitete, die dem Leser vertraut vorkommen mussten und gerade darum die Authentizität von Wilkomirskis Schilderungen zu verbürgen schienen. Daniel Goldhagen etwa betonte in seinem Klappentext zu den "Bruchstücken": "Dieses fesselnde Buch belehrt auch jene, die mit der Literatur über den Holocaust vertraut sin." So echt also diese autobiographischen Bruchstücke daherzukommen schienen - in Wahrheit war Bruno Dössekker 1939 noch gar nicht auf der Welt gewesen, und er war auch kein Holocaust-Überlebender, sondern ein Kind, das bei Schweizer Adoptiveltern aufgewachsen war und später, unter anderem im Rahmen verschiedener Psychotherapien und seiner obsessiven Beschäftigung mit der Holocaust-Literatur und Überlebendenerinnerungen, eine Art Opferidentität entwickelte, offenbar in einem Masse, dass er selbst nicht mehr unterscheiden konnte, ob die "Bruchstücke", die er so identitätsnah erinnerte, nun zu seiner eigenen Lebensgeschichte gehörten oder nicht.
In der Wirklichkeit des Buchmarktes gelten freilich noch immer bestimmte Redlichkeitskriterien, die Wilkomirski/Dössekker deutlich überschritten hatte; das Buch wurde vom Markt genommen, und viele seiner euphorisierten Laudatoren fühlten sich peinlich berührt. Jedenfalls zeigt dieser Fall nicht nur das persöniche Problem eines Autors mit massiven Identitätsproblemen, sondern allgemeiner, dass der Übergang von wahren zu falschen autobiographischen Erinnerungen durchaus fliessend ist. Wolfgang Hell hat die Befunde der Untersuchungen zu falschen erinnerungen in folgender Weise prägnant zusammengefasst: "Das Gedächtnis ist im Laborversuch durch Zusatzinformationen, Fragestellungen oder Ausnutzen von Zusatzwissen systematisch beeinflussbar. In der Realität kann die Täuschung noch viel stärker sein. Eine emotionale Voreingenommenheit in eine Richtung, wiederholtes Abfragen, Suggestionen und vieles andere kann eine falsche Erinnerung auslösen, die für die Betroffenen so real wie eine richtige Erinnerung ist und die für die Zuhörer dieser Erinnerung durch die Lebendigkeit der Schilderung absolut glaubwürdig wirkt. Bei Kindern ist dieser Effekt noch stärker als bei Erwachsenen."
Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, der im Zusammenhang falscher Erinnerungen erwähnenswert ist: dass es für die "Wahrheit" des Erinnerten auf einer bestimmten Ebene unerheblich sein kann, ob die einzelnen Details der Erinnerung stimmen oder nicht. In einer klassischen Arbeit hat Ulrich Neisser am Beispiel einer Zeugenaussage zum Watergate-Skandal dargelegt, dass die überzeugend detaillierten und mit exakten Zeit- und Ortsangaben versehenen Erinnerungen des Zeugen John Dean sich allesamt als falsch erwiesen, nachdem sie mit den später veröffentlichten Tonbandmitschnitten der entsprechenden Gespräache verglichen worden waren. Interessanterweise waren aber trotz der faktischen Fehlerinnerungen Neisser zufolge Deans allgemeine Schlussfolgerungen und Situationsinterpretationen weitgehend realistisch: " Es gibt immer eine tiefere Ebene, auf der er recht hat. Er hat eine akkurate Skizze der wirklichen Situation, der handelnden Personen und der Beziehungen der Leute geliefert, mit denen er zu tun hatte, und auch der Ereignisse, die hinter den Gesprächen lagen, an die er sich zu erinnern versuchte." Ähnlich ist in traumatheoretischer und psychoanalytischer Perspektive der Versuch gemacht worden, hinter einer objektiv in einem zentralen Aspekt falschen Zeugenaussage eine historische Wahrheit zu erblicken, da der Gesamtzusammenhang richtig erfasst worden war. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Offenbar spielt die emotionale Einbettung einer erlebten Situation eine grössere Rolle für das, was erinnert wird, als was in dieser Situation "wirklich" geschehen ist
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Affektive Kongruenz
Etwas anderes ist aber in diesem Zusammenhang interessant: der Umstand nämlich, dass die emotionale Tönung eines Erlebnisses und der Situation seiner Erinnerung wichtig für die Reichhaltigkeit und Präzision des erinnerten ist - diese "affektive Kongruenz" zeichnet etwa das Phänomen aus, das depressive Menschen "zeitweilig nur zu verdriesslichen Erinnerungen fähig zu sein scheinen. Die Tatsache, dass der Inhalt von Erinnerungen durch emotionale Zustände beeinflusst wird, wird durch die Existenz getrennter Systeme für die Speicherung von impliziten emotionalen Erinnerungen und von expliziten Erinnerungen an Emotionen erklärbar. [...] Eines der Elemente einer expliziten Erinnerung an ein früheres emotionales Erlebnis sind die emotionalen Implikationen des Erlebnisses. Die Gegenwart von Hinweisen, welche dieses Element aktivieren, erleichtert die Aktivierung des assoziativen Netzes. Relevant sind in diesem Fall die Hinweise aus Gehirn und Körper, die signalisieren, dass Sie sich in demselben emotionalen Zustand befinden wie während des Lernens. Diese Hinweise treten auf, weil die Reize, die auf das explizite System einwirken, auch auf das implizite emotionale Gedächtnissystem einwirken und dafür sorgen, dass der emotionale Zustand wiederkehrt, in dem Sie sich befanden, als das explizite Gedächtnissystem seine Lernaufgabe erledigte. Die Übereinstimmung zwischen dem gegenwärtigen emotionalen Zustand und dem als Teil der expliziten Erinnerung gespeicherten emotionalen Zustand erleichtert die Aktivierung der expliziten Erinnerung." 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Befindensabhängige Erinnerung
Wenn man mieser Laune ist, begegnen einem deutlich mehr widrige Umstände, als wenn man glänzend aufgelegt ist - und die Erinnerung an derlei "schwarze" Tage ist denn auch in der Regel ziemlich eindimensional. Solche befindensabhängige Erinnerung zeigt sich bemerkenswerterweise auch im Zusammenhang mit bewusstseinseinschränkenden Befindlichkeiten: Wenn man etwa Alkohol trinkt oder andere Drogen konsumiert, erinnert man sich im nüchternen Zustand schlecht an das, was in den entsprechenden Zuständen pasiiert ist - experimentell ist aber nachgewiesen worden, dass die erinnerung präziser wird, wenn der sich Erinnernde wieder auf demselben Pegel ist! Dieses Phänomen des "state dependent retrieval" scheint mir vor allem deshalb interessant, weil es den Schluss nahelegt, dass auch von einer Kongruenz zwischen sozialen Umständen des Einspeicherns und Abrunfens auszugehen ist - weshalb etwa auf Kameradschaftsabenden oder Heimattreffen eine grössere Reichhaltigkeit von erinnerungen aus dem Krieg vorfindlich ist, als wenn im Rahmen von Forschungsinterviews lebensgeschichtliche Erinnerungen abgefragt werden. Dieses Phänomen verweist auf die Rolle, die Erinnerungsgemeinschaften für das Wachhalten und Fortschreiben von emotional wichtigen Abschnitten aus der Geschichte spielen. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Kommunikative neuronale Struktur
Wenn man mieser Laune ist, begegnen einem deutlich mehr widrige Umstände, als wenn man glänzend aufgelegt ist - und die Erinnerung an derlei "schwarze" Tage ist denn auch in der Regel ziemlich eindimensional. Solche befindensabhängige Erinnerung zeigt sich bemerkenswerterweise auch im Zusammenhang mit bewusstseinseinschränkenden Befindlichkeiten: Wenn man etwa Alkohol trinkt oder andere Drogen konsumiert, erinnert man sich im nüchternen Zustand schlecht an das, was in den entsprechenden Zuständen pasiiert ist - experimentell ist aber nachgewiesen worden, dass die erinnerung präziser wird, wenn der sich Erinnernde wieder auf demselben Pegel ist! Dieses Phänomen des "state dependent retrieval" scheint mir vor allem deshalb interessant, weil es den Schluss nahelegt, dass auch von einer Kongruenz zwischen sozialen Umständen des Einspeicherns und Abrunfens auszugehen ist - weshalb etwa auf Kameradschaftsabenden oder Heimattreffen eine grössere Reichhaltigkeit von erinnerungen aus dem Krieg vorfindlich ist, als wenn im Rahmen von Forschungsinterviews lebensgeschichtliche Erinnerungen abgefragt werden. Dieses Phänomen verweist auf die Rolle, die Erinnerungsgemeinschaften für das Wachhalten und Fortschreiben von emotional wichtigen Abschnitten aus der Geschichte spielen. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Menschliche und neuronale Verknüpfungen
Diese Muster entstehen - im Verlauf der Entwicklung immer ausgeprägter - in der Interaktion zwischen den genetisch prädisponierten biochemischen und neurophysiologischen Entwicklungsprozessen und den Signalen und Informationen, die aus der Umwelt und besonders aus der Mikroumwelt des Kindes kommen. Ein wesentlicher Teil davon besteht - da das Kind unweigerlich in eine soziale Welt hineinwächst - aus interpersonellem Austausch und, später, aus intersubjektiver Erfahrung. Dieser Umstand hat den Psychiater Daniel Siegel zu der prägnanten Formulierung veranlasst, dass menschliche Verknüpfungen neuronale Verknüpfungen formen. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Sprachmagie
Man sollte übrigens nicht nur den funktionalen, sondern auch den emotionalen und ästhetischen Wert des Überschusses an sprachlicher Information sehen. Es gibt in bestimmten Entwicklungsphasen offenbar wenig Faszinierenderes, als dem dunklen Sinn von Worten und Wortverbindungen nachzusinnen, die man nicht versteht, die aber Assoziationen und Bedeutungen mitzuführen scheinen, die fesselnd erscheinen. Vielleicht liegt das Faszinierende auch darin, dass solche Worte oder Wortverbindungen (furchterregende oder lustvolle) Emotionen mitschwingen lassen, ohne dass ihr semantischer Gehalt sich erschliessen würde. Derlei "Sprachmagie" bezog sich in meinem persönlichen Fall auf das in der Radiowerbung gehörte, zugegebenermassen unspektakuläre "kloss der Frau Melissengeist", das mir höchst interessant erschien, obwohl oder weil ich nicht herausbringen konnte, was damit gemeint sein sollte. Mein Freund Harry Walter, Künstler und Philosoph, berichtet über die Verbindung der Worte "Eichmann", "Fleischmann", "Neckermann", die sich für ihn im Alter von sieben Jahren dadurch ergab, dass er Adolf Eichmann auf dem Bildschirm jener Neckermann-Fernsehtruhe sah, die zu Weihnachten zugleich als Gabentisch u.a. für die dort plazierte Fleichmann-Modelleisenbahn fungierte. "Eichmann - Fleischmann - Neckermann" ergab nach seiner Schilderung eine gleichermassen unheimliche wie unerschlossene Trilogie eines - dem Gefühl nach - prinzipiell erschliessbaren Zusammenhangs.
Auf solche Weise wird eine emotional kodierte und semantisch unerschlossene Bedeutung erzeugt, die ihre emotionale Qualität auch dann noch beizubehalten scheint, wenn sich später der zugehörige semantische Gehalt ershclossen hat. Deshalb bleibt ein Aspekt des Unheimlichen und Bedrohlichen an solchen Bezeichnungen auch dann erhalten, wenn das Bezeichnete kognitiv längst bewältigt ist. Insofern bewegen wir  uns als Erwachsene in einer memorialen Landschaft von emotional konnotierten Bestandteilen einer Welt, die sich kognitiv erst nachträglich erschlossen hat. Solche Überlegungen bewegen sich natürlich weit im spekulativen Bereich. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Entwicklung des autobiographischen Gedächtnisses
Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass nicht nur die Gedächtnisinhalte kommunikativ gebildet werden, sondern auch die Struktur, in der diese Inhalte bearbeitet werden. Bisher haben wir uns primär mit Entwicklung in der vorsprachlichen Phase beschäftigt. Es wurde schon erwähnt, dass Kleinkinder dazu neigen, auf Nachfrage weniger einzelne Ereignisse zu berichten, an die sie sich erinnern, als generalisierte Abläufe wiederzugeben, von denen sie wissen, dass sie für gewöhnlich so und so ablaufen. Dieser Befund deutet an, dass Kinder auf dieser Entwicklungsstufe noch keine selbstbezogene Erinnerungen ausgebildet haben; sie können das Erlebte noch nicht in eine reflexive Beziehung zu sich selbst setzen. Ein solches Selbst ist in einem autobiographischen Sinne noch nicht vorhanden - das Kind kann nicht auf eine eigene, distinkte und kohärente Lebensgeschichte zurückblicken. Es verhält sich, wie gesagt, als Positivist in einer Welt, die so ist, wie sie eben ist.
Die Entwicklung eines autobiographischen Gedächtnisses setzt offenbar genau jenes Beherrschen der repräsentationalen Dinemsion von Sprache voraus, die notwendig ist, um Motive, Absichten und Zusammenhänge in der Welt und im Handeln der Bezugspersonen jenseits der jeweils vorliegenden konkreten Situation, das heisst auch: jenseits der Gegenwart. Um eine Vergangenheit und eine Zukunft in einem autobiographischen Sinn konstruieren bzw. antizipieren zu können, muss das Kind sich aus der Befangenheit der konkreten Gegenwart und ihrer unmittelbaren Anforderungen herauslösen - und die Bedingungen dafür werden wiederum in Prozessen sozialer Interaktion hergestellt: im "memory talk", wie Katherine Nelson das nennt. Die Grundbedingung für die Erweiterung der Gegenwart um eine Vergangenheit und eine Zukunft ist die Fähigkeit, sich erinnern zu können. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Emotionen
Primäre Emotionen sind zunächst also nicht mehr als die Begleitumstände von Situationen, in denen der Organismus, ob man will oder nicht, auf bestimmte Auslösereize reagiert - wobei sich bei Menschen (und wahrscheinlich auch bei vielen höheren Säugetieren) in Verbindung mit den dabei auftretenden körperlichen Vorgängen auch eine bestimmte Gefühlslage einstellt, wie bewusst diese auch immer sein mag. Diese Gefühlslage fungiert als Feedback für den Organismus, als Marker dafür, dass etwas Bestimmtes geschehen ist. Zu den primären Emotionen zählen nach verbreiteter Auffassung Furcht, Glück, Zorn, Ekel und Trauer, oft wird auch Überraschung dazu gerechnet - womit die Schwierigkeiten schon anfangen, denn die Bandbreite und interindividuelle Varianz des Überraschtseins lässt es doch als sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass es sich hierbei um eine überkulturelle und überhistorische Emotion handeln könnte. Überraschung dürfte deshalb eher zu den sekundären Emotionen zu rechnen sein, das heisst zu den erfahrungsabhängigen emotionalen Reaktionen, zu denen beispielsweise unterschiedliche Grade von Ärger, Verlibetsein etc. gehören. Alle Emotionen treten in Verbindung mit körperlichen Prozessen auf, die für dsa betroffene Individuum eine Situation der Gefahr, der Lust, des Verlustes usw. anzeigen, aber das ist noch nicht alles. Im Unterschied zu dem Küken, das sich vor dem Bussard duckt, bleibt es bei Menschen ja nicht bei dem blossen Zusammenspiel von Auslösereiz, autonomer Reaktion und emotionaler Erregung, sondern es kommt noch hinzu, dass Emotionen empfunden werden können. Mehr noch, es wird, wie Damasio sagt, die Verknüpfung zwischen dem Objekt, das die Reaktion auslöst, und dem dadurch regulierten gefühlsbedingten Körperzustand wahrgenommen. Das heisst, es existiert ein Bewusstsein darüber, was man fühlt.Wofür, könnte man nun fragen, soll das eigentlich gut sein? Damasios Antwort ist einfach: Eine Emotion, die nicht nur Teil eines autonom ablaufenden Reaktionsmusters ist, sondern zugleich die Daten für die Bewertung eines Körperzustands liefert, lässt für die nach der unmittelbaren Reaktion mögliche Handlungen eine grössere Variationsbreite zu. Neben die angeborene, präorganisierte Reaktionsweise tritt eine erworbene, erfahrungsabhängige Reaktion, die geeignet ist, einen Unterschied zwischen den Umrissen und Bewegungen eines wirklichen Adlers und der nahezu identischen Silhouette eines Kinderdrachens wahrzunehmen und entsprechend zu reagieren. Daneben kann die Fähigkeit, die emotionale Reaktion zu empfinden, auch dazu dienen, Kategorien darüber zu bilden, welche Erscheinungsform des Auslösereizes als gefährlich bzw. als ungefährlich einzuschätzen ist. Mit anderen Worten: Das Empfinden einer emotionalen Reaktion bietet gegenüber ihrem blossen unbewussten Vorhandensein einen handlungsökonomischen Gewinn und einen Überlebensvorteil - die eigene REaktion kann bewertet werden, und aus dieser Bewertung können wiederum Schlüsse darüber gezogen werden, welches Handeln zukünftig in einer analogen Situation angebracht ist. In Damasios Worten: Wenn Sie Ihre Emotionen empfinden können, "gewinnen Sie damit eine Flexibilität der Reaktionsfähigkeit, die auf der besonderen Geschichte Ihrer Interaktion mit der Umwelt beruht". 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Körperlichkeit
Bei aller sozialer und kultureller Beeinflussung der emotionalen Empfindungen und der daraus folgenden Verarbeitungen und Handlungen bleibt aber ein ganz zentraler Aspekt festzuhalten: dass auch bewusste emotionale Empfindungen grundsätzlich und immer einen körperlichen Bezug haben. Es gibt keine emotionale Empfindung, die rein geistig und körperlos wäre. Wenn nun Emotionen den Status haben, die Bedeutung von Ereignissen zu bewerten, heisst das, dass unsere Einschätzungen von Situationen, in denen wir uns befinden, und die Abschätzungen der Handlungsfolgen, die daraus resultieren, keineswegs rein kognitive Vorgänge sind, sondern dass sie immer auch einen emotionalen Index haben. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Emotionale Erinnerung und Erinnerung an eine Emotion
LeDoux leitet aus seinen Überlegungen zu diesen und ähnlichen Fällen eine terminologische Unterscheidung ab: Implizite Erinnerung, sofern sie emotional gefärbt ist, bezeichnet er als "emotionale Erinnerung", die explizite Erinnerung an ein emotional aufwühlendes Erlebnis dagegen als "Erinnerung an eine Emotion". Auch hier ist von einer Interdependenz zwischen diesen unterschiedlichen Modi des Erinnerns und unterschiedlichen systemischen Eingebundenheiten auszugehen.LeDoux definiert Emotion und Kognition "als getrennte, aber miteinander wechselwirkende Funktionen, die durch getrennte, miteinander wechselwirkende Hinrsysteme vermittelt werden". Diese Definition resultiert aus den Unterschieden zwischen emotionalen und kognitiven Systemen der Reizverarbeitung: Erstens lassen sich, wie beschrieben, Patienten mit Hirnschädigungen beobachten, bei denen die Systeme zur Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen intakt sind, aber die Fähigkeit verloren ist, diese Reize emotional zu bewerten. Zweitens wird (bei gesunden Personen) die emotionale Bedeutung eines Objekts bewertet, "bevor die Wahrnehmungssysteme den reiz vollständig verarbeitet haben. Es kommt sogar vor, dass Ihr Gehirn weiss, ob etwas gut oder schlecht ist, ehe es genau weiss, was dieses Etwas ist." (Wir hatten bereits gesehen, dass äussere Reize auf zwei Wegen zur Amygdala gelangen - auf einer direkten Bahn vom Thalamus (sog. niederer Weg) und auf einer indirekten Bahn vom Thalamus zur Hirnrinde und erst von dort zur Amygdala (sog. hoher Weg)). Drittens untescheiden sich die Systeme, mit deren Hilfe Reize verarbeitet werden, je nachdem, ob es um die emotionale Bedeutung von Reizen oder um kognitive Erinnerungen an dieselben Reize geht. Werden die Systeme, mit der emotionalen Reizverarbeitung geschädigt, "so vermag ein Reiz mit einer gelernten emotionalen Bedeutung keine emotionale Reaktion mehr in uns hervorzurufen, während eine Beschädigung [kognitiver Reizverabreitungssysteme] unsere Fähigkeit beeinträchtigt, uns zu erinnern, wo wir den Reiz gesehen haben, warum wir dort waren und mit wem wir zusammen waren." 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Erinnerung an die Erinnerung
LeDoux illustriert diesen Befund mit dem Beispiel eines schweren Autoiunfalls, bei dem die Hupe des Unfallautos nicht mehr zu hupen aufgehört hat. Wenn man als verletzter Insasse nach seiner glücklichen Wiederherstelung später einen ähnlich klingenden Hupton hört, werden sowohl explizite als auch implizite Gedächtnissysteme aktiviert: Der Hupton geht einerseits zur Amygdala und löst dort die körperlichen Reaktionen aus, die mit Gefahrensituationen verbunden sind: Muskelanspannung, veränderter Blutdruck, beschleunigte Herzfrequenz, erhöhte Transpiration usw. Sekundenbruchteile später wird auch die explizite, episodische Erinnerung an den Unfall aktiviert, und man erinnert sich an seine Umstände und daran, dass der Unfall wirklich schrecklich war. Der Umstand aber, dass der Unfall schrecklich war, ist keine emotionale Erinnerung, sondern eine episodische Erinnerung an ein emotionales Erlebnis. Sie selbst hat nicht notwendig emotionale Konsequenzen.
Im Arbeitsgedächtnis allerdings treffen explizite Erinnerungen an emotionale Erlebnisse und implizite emotionale Erinnerungen zusammen: "Der Hupton öffnet über das implizite emotionale Gedächtnissystem die Schleusen der emotionalen Erregung und schaltet all die körperlichen Reaktionen ein, die mit Furcht und Abwehr zusammenhängen." Daraus resultiert, dass die Tatsache, dass man erregt ist, selbst zum Bestandteil des aktuellen Erlebens wird - d.h., der Prozess des Erinnerns selbst wird emotional getönt. Die Erinnerung an die Emotion und die Erregung beim Erinnern "verschmelzen nahtlos zum einheitlichen bewussten Erlebnis des Augenblicks" - was man sich übrigens auch an erfreulicheren Erinnerungen verdeutlichen kann: Beim Gefühl starker Verliebtheit etwa zeigt sich ja ein analoger Vorgang. Dieses Phänomen ist äusserst bedeutsam für eine Theorie des kommunikativen Gedächtnisses, denn es entstehen auf diese Weise immer neue Erinnerungen an frühere Erinnerungen, die jeweils wieder auf dieselbe oder auf eine modifizierte Weise emotional getönt sein können.
Erinnerung, so könnte man vor diesem Hintergrund formulieren, ist immer das Geschehnis plus die Erinnerung an seine Erinnerung. Das gilt allerdings wiederum nur für die selbstbezogenen, das heisst die emotional bewerteten Erinnerungen. Demgegenüber funden etwa bei rein kognitiven aufrufen von Wissensinhalten keine solche Kumulierungen statt.
Daneben fällt auch die Stabilität der Aufbewahrung emotionaler Erinnerungen und Erinnerungen an emotionale Ereignisse unterschiedlich aus. So können etwa die Details, die mit dem besagten Autounfall zusammenhingen, verschwimmen, verändert oder auch völlig vergessen werden, während der Hupton nach wie vor in der Lage ist, eine - dann scheinbar unerklärliche - emotionale Reaktion auszulösen. Das emotionale Gedächtnissystem ist als implizites Gedächtnissystem - wie oben schon gesagt - weniger anfällig für Beschädigungen und Entstellungen durch äussere Einflüsse oder durch das Altern des sich Erinnernden: es ist, mit anderen Worten, weniger vergesslich als das explizite Gedächtnissystem. Im Gegenteil können Furchtreaktionen und Ängste, die mit traumatisierenden Erfahrungen zusammenhängen, nicht nur weniger schnell verblassen, sondern mit der Zeit sogar anwachsen - ein Phänomen, das als "Inkubation der Furcht" bezeichnet wird. Wohlgemerkt: Die mit dem Ausgangsereignis verbundene Reaktion wird stabil oder sogar übersteigert erinnert, nicht aber die KOnturen des Ereignisses selber, die vielfältige Überzeichnungen, Abweichungen oder völlige Neukonstruktionen erfahren können. Dies alles l egt den Schluss nahe, dass das autobiographische Gedächtnis nicht nur ein "ungleichzeitiges" Gedächtnis ist, in dem sich Erfahrungen aus ganz unterschiedlichen Lebensabschnitten überlagern und gemeinsam aktivierbar sind, sondern auch, dass Inhalte aus der Vergangenheit emotional bedeutsam sind, ohne dass sie explizit bewusst werden! 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Das bewerten von Ereignissen
Emotionen sind die zentralen Operatoren, mit deren Hilfe wir Erfahrungen als gut, schlecht, neutral usw. bewerten und entsprechend in unserem Gedächtnis abspeichern. Autobiographische Gedächtnisinhalte können nur selbstbezogene Inhalte sein, und diese sind ohne ein emotionales Register nicht denkbar. Emotionen, Erinnerungen an Emotionen und emotionale Erinnerungen haben immer eine körperliche Signatur - insofern ist das autobiografische Gedächtnis immer auch ein Gedächtnis, das auf unser Körper-Selbst bezogen ist. Man könnte in diesem Sinne sagen, dass das autobiographische Gedächtnis das bewusste Äquivalent zu jener beständigen Überwachung des Körperzustands ist, die Damasio als Kern-Bewusstsein bezeichnet. Und bemerkenswerterweise werden in der Literatur zu Gedächtnisstörungen iimmer wieder Fälle mit fast vollständigen Amnesien beschrieben, bei denen dsa Gefühl, über ein autobiographisches Ich zu verfügen, durchaus noch vorhanden zu sein scheint. Man muss sich das vorstellen: Wenn keinerlei Vermögen mehr vorhanden ist, Erlebnisse und Erfahrungen abzuspeichern und erneut abzurufen, entsteht eine eigentümliche Situation von Zeitlosigkeit, jeden Augenblick beginnt gewissermassen das Leben neu, alle Personen, die zur Tür hereinkommen, sieht man zum ersten Mal, der Tag hat immer gerade erst begonnen. Und in diesem zeitenthobenen, orientierungslosen Raum von Befindlichkeit gibt es doch eine Entität, auf die die unablässige Erfahrung des immer Neuen bezogen wird, ein Ich, das fühlt, dass ihm das alles widerfährt. [...]
Ein 43jähriger deutscher amnestischer Patient notiert in seinen Terminkalender "Diese Woche arbeite ich noch!", und das Tagebuch eines britischen Piansiten mit anterograder Amnesie besteht aus einer endlosen, nahezu ununterbrochenen Aneinanderreihung der Feststellung "I am awake now!" So erschütternd derlei Dokumente sind, so deutlich zeigen sie auch, dass da jeweils noch ein autobiographisches Ich die Zeilen füllt oder sich um Erinnerung bemüht. Selbstbezogenheit und Emotionalität bleiben bestehen, selbst wenn das episodische Gedächtnis nicht oder nur mehr höchst rudimentär exisitert - was einmal mehr die Annahme untermauert, dass das episodische Gedächtnis (ebenso wie die anderen Gedächtnissysteme) eine FUnktion des autobiographischen Gedächtnises ist. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Das Familiengedächtnis
Das Familiengedächtnis hat eine synthetisierende Funktion, die die Kohärenz und Identität der intimen Erinnerungsgemeinschaft Familie gerade dadurch sicherstellt, dass alle Beteiligten von der Fiktion ausgehen, sie würden über dasselbe sprechen und sich an dasselbe erinnern.So ein geheimer Fiktionsvertrag liegt übrigens auch anderen, weniger dauerhaften und intimen Erinnerungsgemeinschaften zugrunde - für Familienmitglieder ist aber die prinzipielle Anforderung kennzeichnend, Kohärenz sichern, Identität bewahren und Loyalitätsverpflichtungen nachkommen zu müssen, und das Medium par excellence für die Erfüllung dieser Anforderung sind gemeinsame kommunikative Akte des Erinnerns. Angela Keppler ist denn auch der Auffassung, dass die Einheit einer Familiengeschichte "nicht in einer einheitlichen Geschichte, sondern in der Kontinuität der Gelegenheiten und Akte des gemeinsamen Sich-Erinnerns" besteht. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Zeitzeugen
Die biographische Erzählung von Zeitzeugen ist sowohl in der Erlebnis- wie in der Berichtsituation nach verfügbaren Modellen geformt, die die Erfahrung dann lediglich mit einem so oder so nuancierten Inhalt variiert, um sie für den Erzähler selbst wie für den Zuhörer zu einer "wahren", d.h. selbst erlebten und authentisch berichteten Geschichte zu machen. In diesem Sinne erfinden wohl mehr Geschichten ihre Erzähler als Erzähler ihre Geschichten. So ist es wenig verwunderlich, dass sich in Interviewmaterial, wie es in der "oral history", im Fernseh-Feature oder aber in Zeitzeugenarchiven verwendet wird, ziemlich deutliche Spuren der Wirksamkeit der medialen Bilderflut auf die individuellen Vergangenheitsbilder finden, und zwar in unterschiedlicher Wirkungsrichtung: Werden bildhafte Versatzstücke und Spielfilmszenen einerseits ununterscheidbar mit autobiographischen Erlebnisschilderungen verwoben, dienen andererseits gerade filmische Vermitllungen und insbesondere die des SPielfilms in der Wahrnehmung der Befragten als historische Belege dafür, wie die Vergangenheit wirklich war.
Dadurch, dass die Bilder zu Nationlasozialismus und Holocaust in den vergangenen zwei Jahrzehnten im deutschen Fernsehen immer präsenter geworden sind und dsa Kino schon von Beginn an gerade das Genre des Kriegsfilms pflegt, schiebt sich ein riesiges Inventar von Bildmaterial vor die Deutungen jener Geschichten, die Kinder und Enkel von ihren Eltern und Grosseltern erzählt bekommen. Gerade weil die mündlich weitergegebenen Geschichten vom Krieg und von der "schlechten Zeit", von Verfolgung und Vertreibung, oftmals einen eigentümlich fragmentarischen und nebulösen Charakter haben, gleichwohl aber das Bedürfnis besteht, eine Familiengeschichte als konsistent und sinnhaft erleben zu können, dienen die medialen Produkte als Füllmaterial für die Leerstellen in den Erzählungen, als Erklärungen für Widersprüche und als Lichtzeichen im Nebel der erzählten Vergangenheit. Dies gilt übrigens nicht nur für die Nachfolgegenerationen, sondern auch für die Zeitzeugen selbst, deren Erlebnisse und Erfahrungen mit jenen Filmen und Bildern überblendet werden, die sie in der Nachkriegszeit gesehen haben. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Situationsabhängige Erinnerung
An einer Stelle des Interviews sagt er: "Ich muss das mal aus heutiger Sicht reflektieren, weil ich eben das Pendant kenne, weil ich ja weiss, wie es hier ist", und das ist das Leitthema des ganzen Gesprächs. An dieser Stelle wird natürlich klar, welche Definition dem Interview aus Marks Sicht zugrunde liegt: Ihm sitzt ein Interviewer gegenüber, der von ihm etwas über seine Übersiedlung und seinen Weg in einen neuen Abschnitt seines Lebens wissen möchte, und vor dem Hintergrund dieser Defintion tritt Mark gewissermassen als Experte für sein Leben als Übersiedler aus, in diesem Sinn gar nicht so sehr als Autobiograph. Aber was besagt eine solche Feststellung? Die Autobiographie als situationsunabhängige, asoziale, "wirklich" gelebte Lebensgeschichte ist ja nichts als eine Fiktion; in der autobiographischen Praxis selbst realisiert sie sich nur als jeweils zuhörerorientierte Version, als aktuell angemessene Montage lebensgeschichtlicher Erinnerung. [...]

Marks (neue) Lebensgefährtin, die selbst aus der ehemaligen DDR stammt, würde von ihm gewiss eine Lebensgeschichte hören, die sich um andere Thematiken zentriert, seine künftigen Schüler wiederum eine andere und seine Kommilitonen abermals eine andere. Wichtig ist das nicht nur deshalb, weil auf diese Weise unter Umständen sogar sich widersprechende autobiographische Variationen friedlich koexistieren können, sondern weil das autobiographische Gedächtnis, ganz ähnlich wie das Familiengedächtnis, im Grunde eine Fiktion ist - in dem Sinne, dass es nicht als Einheit existiert, sondern wiederum als eine synthetisierende Funktionseinheit, die sich in jeder kommunikativen Situation auf jeweils neue Weise realisiert. Die Einheit des erzählenden Ich stellt sich gerade darüber her, dass es in all den unterschiedlichen Situationen als Autobiograph, als Besitzer einer Lebensgeschichte, als Experte für das eigene Leben auftreten kann, und die Kohärenz dieses Ich erweist sich gerade darin, dass es die verschiedenen Varianten der Autobiographie situationsangemessen und -spezifisch entwickeln kann. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Ich bin weil mein kleiner Hund mich kennt
"Ich bin ich, weil mein kleiner Hund mich kennt." Diese ironische Wendung des Identitätsthemas von Gertrude Stein trägt ein Moment von Wahrheit in sich: Denn das Ich des autobiographischen Erzählers besteht im Kern in der interaktiven Bestätigung, dass das erzählte Ich sozial akzeptiert und deshalb als autobiographisches Ich erkannt wird: "Du bist Du, weil Du mir eine glaubhafte und selbstbezogene Geschichte erzählst." Die einzelnen Erzählelemente variieren dabei je nach dem Zuhörer (und in der klassischen literarischen Autobiographie nach der imaginierten Leserschaft) ebenso wie die ausgewählten Plots. Wenn es zutrifft, dass jede erneute Abspeicherung einer abgerufenen (und erzählten) Erinnerung mit einer Neu-Einschreibung einhergeht, die den neuen Kontext mitenthält, dann schreibt auch jede autobiographische Versioin, jede um eine Nuance veränderte Detailerzählung ihrerseits an einem beständig sich wandelnden Ich, wenn man will an einem distributiven Ich, dessen autobiographische Gestalt genau aus jenen zahllosen Interaktionserfahrungen besteht, in denen irgendeine Form von Identität thematisiert wird. Das können im extremsten und künstlichsten Fall autobiographische Interviews sein, das können biographische Auskünfte in einer ärztlichen Sprechstunde sine, das können anrührende Episoden aus dem Leben im "love-talk" sein, was auch immer.
Das autobiographische Gedächtnis ist insofern kommunkativ, als es sich in Form eines Wandlungskontinuums über verschiedenste Ich-konkrete Interaktionssituationen herstellt und seine (fiktive) Einheit sich darüber realisiert, dass der Ich-Erzähler von allen Interaktionspartnern als authentischer und legitimer Ich-Erzähler, als Autobiograph, akzeptiert und bestätigt wird. Dieser sich unablässig fortschreibende Vorgang liefert den Grund für das von David Rubin beschriebene Phänomen, dass die Bedeutung des autobiographischen Gedächtnisses nicht in der Wahrheit der erinnerten Erlebnisse und Ereignisse liegt, sondern in der subjektiven Überzeugung, dass sie wahr seien, also zu "mir" und meinem Selbst gehören. Dass das Ich des Erzählers über die verschiedensten Situationen und Lebenszeiten hinweg als das immergleiche Ich realisiert wird, stiftet die Einheit des autobiographischen Gedächtnisses, nicht etwa die Einheit der Erlebnisse und Geschehnisse, aus denen sich die autobiographische Erzählung zusammensetzt. In dieser Funktion gleicht das autobiographische Gedächtnis dem Familiengedachtnis, und es verwundert nicht, dass es zu ganz ähnlichen Montagen und Erlebnisimporten in der Lage ist. 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Neu-Einschreiben
Erinnern geht immer einher mit Neu-Einschreiben (Wolf Singer). Was in der Erinnerung bleiben soll, bedarf der Konsolidierung durch wiederholtes Durchdeknen und Durchfühlen desselben Ereignisses. Wenn diese Konsolidierung ausfällt, abgebrochen oder modifiziert wird, verändert sich dsa Engramm, die neuronale Gedächtnisspur. Das bedeutet, "das Engramme nach wiederholtem Erinnern gar nichtmehr identisch sind mit jenen, die vom ersten Lernprozess hinterlassen wurden. Es sind die neuen Spuren, die [...] beim Erinnern neu geschrieben werden." 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis
Time Travel Through the Brain
Over the last 100 years, the way we visualize and understand the complexity of the brain has evolved.
Over the 100-year history of modern neuroscience, the way we think about the brain has evolved with the sophistication of the techniques available to study it. Improvements in microscope design and manufacture, together with the development of cell-staining techniques, afforded neuroscientists their first glimpse at the specialized cells that make up the nervous system. Microscopes with more magnifying power enabled them to probe nerve cells in greater detail, revealing distinct compartments. Newer techniques expose the connections between nerve cells, revealing the complex organization of the brain.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; Moheb Costandi
Visualizing Neurons
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Nineteenth-century histologists created some of the first images of nerve cells by chemically stiffening tissue and then immersing it in silver nitrate, randomly staining a small number of cells to make them visible when they were viewed with powerful new light microscopes. The technique revealed the silhouette of the cell body and its network of extensions, and it enabled the great neuroanatomist Santiago Ramón y Cajal to prove that the nervous system consists of cells. He produced the 1899 drawing at left: it shows finely branched Purkinje cells, large neurons in the cerebellum that play an important role in controlling movement.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; Moheb Costandi; Bild: Herederos de Santiago Ramón y Cajal;
Fluorescent dyes
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Fluorescent dyes can now be injected directly into cells to stain the ones a researcher wants to view. This image shows a Purkinje cell in red and a nerve fiber from another cell in green. A single Purkinje cell is connected to hundreds of thousands of these fibers.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; Moheb Costandi; Bild: Michael Häusser, University College London;
Beaming Electrons
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Developed in the 1930s, electron microscopes illuminate tissue samples with beams of electrons rather than light, increasing the maximum resolution so that much smaller structures can be distinguished. The image above, of a part of the brain stem that processes auditory information, shows a cluster of nerve-cell connections, magnified 23,900 times. The small, faint circles are synaptic vesicles, which ferry chemical signals between cells.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; Moheb Costandi; Bild: Palay, 1956. Originally published in the Journal of Biophysical and Biochemical Cytology, 2: 193-202;
Electron microscopy
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A newer twist on electron microscopy, developed in the 1980s, can reveal the internal structures of nerve cells. Researchers use a detergent to remove the cell membrane. Platinum and carbon are deposited onto the exposed surfaces to reproduce the cell’s interior features as a three-dimensional mold, which is then examined in the microscope. This image shows a hippocampal neuron that has been stripped of its membrane to expose the cytoskeleton, a scaffold that regulates the cell’s growth and movement.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; Moheb Costandi; Bild: Bernd Knöll (University of Tübingen), Jürgen Berger, and Heinz Schwarz (Max-Planck-Institute for Developmental Biology);
Glowing Cells
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In the mid-1990s, researchers began marking specific cells in lab animals by genetically engineering the organisms to incorporate fluorescent proteins (above) found in marine species. Within 10 years, these proteins had been engineered into the cells in more complex ways, enabling researchers to monitor biochemical reactions and track the movements of cellular proteins in real time.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; Moheb Costandi; Bild: Koki Moriyoshi et al., Neuron, February 1996;
Brainbow
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Scientists can now label nerve cells in a rainbow of colors. This image is of a “Brainbow” mouse, which has been engineered so that different nerve cells glow in dozens of hues; it shows the hippocampus, a brain area that is crucial for memory. This technology, developed in 2007, has revealed the connections between cells in remarkable detail.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; Moheb Costandi; Bild: Jean Livet, INSERM;
The Third Dimension
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Confocal laser microscopy uses focused laser beams to scan tissue. The focused beam reduces the scattered light signal used in conventional microscopes, producing sharper, more detailed images. Light reflected back directly from each point is used to construct a three-dimensional image. This pyramidal neuron from the cortex of a mouse (above) was visualized by scanning the tissue at different depths and superimposing the series of images.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; Moheb Costandi; Bild: Tony Pham, Baylor College of Medicine;
Two-photon microscopy
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In the 1990s, scientists developed a way to further reduce the scatter of light, called two-photon microscopy. This approach, which uses infrared light, can probe deeper into live tissue, producing images like the section of mouse cerebellum shown above.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; Moheb Costandi; Bild: Alanna Watt and Michael Häusser, UCL;
Tracing Fibers
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In the 1980s, scientists developed fluorescent dyes to help them examine the long, thin extensions of neurons that carry information between these cells. Injected directly into the brain, the dye is incorporated into the cell membrane and transported along it, revealing the route of the nerve fiber. This image highlights the long-range connections between sensory areas of a mouse’s cerebral cortex and thalamus, often called the brain’s relay station. Fibers from the primary visual cortex are shown in red, while fibers from the primary somatosensory cortex, which processes bodily sensations, are shown in green.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; Moheb Costandi; Bild: Maria Carmen Piñon and Zoltán Molnár/University of Oxford;
Magnetic resonance imaging
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Today, scientists can safely examine these connections in a living human brain using a variation of magnetic resonance imaging (MRI) called diffusion tensor imaging. This technique, developed in the 1990s, infers the location of nerve fibers by tracking water molecules in the brain as they move along them. The image above shows fibers radiating from the thalamus in a human brain.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; Moheb Costandi; Bild: Thomas Schultz/University of Chicago;
Bildgebende Verfahren
Ein bildgebendes Verfahren erzeugt aus Messgrößen eines realen Objektes ein Abbild, wobei die Messgröße oder eine daraus abgeleitete Information ortsaufgelöst und über Farben oder Helligkeitswerte kodiert visualisiert wird.
Der Begriff bildgebendes Verfahren ist in der Medizin weit verbreitet und wird hier meist mit folgender Bedeutung genutzt: Oberbegriff für verschiedene Diagnostikmethoden, die Aufnahmen aus dem Körperinneren liefern. Bildgebende Verfahren finden darüber hinaus Anwendung in nahezu allen naturwissenschaftlichen Bereichen (Archäologie, Materialprüfung, Erderkundung, …).

Ein bildgebendes Verfahren misst physikalische Größen eines realen Objektes. Je nach Verfahren und Signalart erfolgt eine zusätzliche Weiterverarbeitung oder Auswertung der Messwerte, bis die Informationen in der gewünschten Form vorliegen. Sie werden ortsaufgelöst als Abbild des Objektes dargestellt. Die Informationsdarstellung erfolgt als Helligkeitswerte oder kodiert über Falschfarben. Die Art der Darstellung hängt vom verwendeten Verfahren, dem Objekt und der Fragestellung ab. 
Das älteste und gleichzeitig einfachste bildgebende Verfahren ist die Lochkamera. Sie wurde bereits am Ende des 13. Jahrhunderts von Astronomen zur Beobachtung der Sonnenflecken verwendet. Als Messgröße wird hier, wie bei allen fotografischen Verfahren, das vom Objekt ausgesendete Licht verwendet. Dieses Licht erzeugt auf der Rückseite der Kamera ein Abbild des Objektes. In diesem als latent (flüchtig) vorliegenden Abbild erkennt man die Helligkeit und die Farbe des Objektes ortsaufgelöst. Im Gegensatz zum realen Bild ist es jedoch auf eine zweidimensionale Darstellung (Ebene) reduziert. Maler in der Zeit von Leonardo da Vinci nutzten die Lochkamera als Zeichenhilfe zur detailgenauen Abbildung der Wirklichkeit. Dieses war zur damaligen Zeit die einzige Möglichkeit ein Bild dauerhaft zu erhalten.
Fernrohr und Mikroskop sind weitere bildgebende Verfahren deren Entwicklungen um 1600 stattfanden. Obwohl auch diese beiden Verfahren Farbe und Helligkeit von Objekten darstellen, erlauben sie die Visualisierung von Dingen, die ohne diese Verfahren nicht sichtbar wären. Durch die Erfindung der photografischen Platte durch Joseph Nicéphore Nièpce im Jahre 1826 konnte eine direkte Umsetzung des Abbildes als dauerhaftes Foto erreicht werden.
Wilhelm Conrad Röntgen erkannte 1895, dass die nach ihm benannte Röntgenstrahlung imstande ist, auch für den Menschen undurchsichtige Materie zu durchdringen. Er entdeckte, dass verschiedene Materialien die Strahlung unterschiedlich stark schwächen. Die Grundlagen der Röntgentechnik waren gelegt und die ersten Röntgenbilder wurden aufgenommen. Auf dem Bild der Hand seiner Gattin Anna Bertha (22. Dezember 1895) ist nicht der visuelle Eindruck der Hand wiedergegeben, sondern eine andere Messgröße, nämlich die Dichte oder Materialverteilung im Inneren der Hand. Im Abbild der Hand erscheinen die dichteren Knochen und der Ring dunkel, während das Gewebe nahezu ungehindert durchstrahlt wird.
Ein weiterer großer Meilenstein in der Geschichte der bildgebenden Verfahren war die Erfindung der Elektronenröhre, die als Basis der elektronischen Signalverarbeitung angesehen werden kann. Diese ermöglichte die Nutzung vieler neuer Messgrößen. Etwa zeitgleich wurde auch die Bildröhre entwickelt, die nun auch bewegte Bilder darstellen konnte. Der zeilenweise Aufbau des Bildes in der Bildröhre wurde zum Teil auch im Bereich der Messdatenerfassung verwendet. Die sequentielle Abrasterung des Objekts findet man auch heute noch im Prinzip des Rasterelektronenmikroskops, des Profilometers oder im CCD-Sensor, bei dem die Lichtsignale zwar parallel aufgenommen aber sequenziell ausgelesen werden, verwirklicht.
Die weitest reichenden Veränderungen der bildgebenden Verfahren wurden jedoch von den zunehmend leistungsfähigeren Computern initiiert. Mit ihnen ist es möglich komplexe Berechnungen in kürzester Zeit durchzuführen. Dieses ist Voraussetzung für Rekonstruktionsberechnungen im Bereich tomographischer Verfahren und die Berechnung von Schnittebenen oder von 3D-Darstellungen.
Quellenangaben: Text: Wikipedia; Zweites Bild: Forschungszentrum Jülich;
Blue Brain Project
Can a thinking, remembering, decision-making, biologically accurate brain be built from a supercomputer?
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In the basement of a university in Lausanne, Switzerland sit four black boxes, each about the size of a refrigerator, and filled with 2,000 IBM microchips stacked in repeating rows. Together they form the processing core of a machine that can handle 22.8 trillion operations per second. It contains no moving parts and is eerily silent. When the computer is turned on, the only thing you can hear is the continuous sigh of the massive air conditioner. This is Blue Brain.
The name of the supercomputer is literal: Each of its microchips has been programmed to act just like a real neuron in a real brain. The behavior of the computer replicates, with shocking precision, the cellular events unfolding inside a mind. “This is the first model of the brain that has been built from the bottom-up,” says Henry Markram, a neuroscientist at Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) and the director of the Blue Brain project. “There are lots of models out there, but this is the only one that is totally biologically accurate. We began with the most basic facts about the brain and just worked from there.”
Before the Blue Brain project launched, Markram had likened it to the Human Genome Project, a comparison that some found ridiculous and others dismissed as mere self-promotion. When he launched the project in the summer of 2005, as a joint venture with IBM, there was still no shortage of skepticism. Scientists criticized the project as an expensive pipedream, a blatant waste of money and talent. Neuroscience didn’t need a supercomputer, they argued; it needed more molecular biologists. Terry Sejnowski, an eminent computational neuroscientist at the Salk Institute, declared that Blue Brain was “bound to fail,” for the mind remained too mysterious to model. But Markram’s attitude was very different. “I wanted to model the brain because we didn’t understand it,” he says. “The best way to figure out how something works is to try to build it from scratch.”
The Blue Brain project is now at a crucial juncture. The first phase of the project—“the feasibility phase”—is coming to a close. The skeptics, for the most part, have been proven wrong. It took less than two years for the Blue Brain supercomputer to accurately simulate a neocortical column, which is a tiny slice of brain containing approximately 10,000 neurons, with about 30 million synaptic connections between them. “The column has been built and it runs,” Markram says. “Now we just have to scale it up.” Blue Brain scientists are confident that, at some point in the next few years, they will be able to start simulating an entire brain. “If we build this brain right, it will do everything,” Markram says. I ask him if that includes selfconsciousness: Is it really possible to put a ghost into a machine? “When I say everything, I mean everything,” he says, and a mischievous smile spreads across his face.
Henry Markram is tall and slim. He wears jeans and tailored shirts. He has an aquiline nose and a lustrous mop of dirty blond hair that he likes to run his hands through when contemplating a difficult problem. He has a talent for speaking in eloquent soundbites, so that the most grandiose conjectures (“In ten years, this computer will be talking to us.”) are tossed off with a casual air. If it weren’t for his bloodshot, blue eyes—“I don’t sleep much,” he admits—Markram could pass for a European playboy.
But the playboy is actually a lab rat. Markram starts working around nine in the morning, and usually doesn’t leave his office until the campus is deserted and the lab doors are locked. Before he began developing Blue Brain, Markram was best known for his painstaking studies of cellular connectivity, which one scientist described to me as “beautiful stuff…and yet it must have been experimental hell.” He trained under Dr. Bert Sakmann, who won a Nobel Prize for pioneering the patch clamp technique, allowing scientists to monitor the flux of voltage within an individual brain cell, or neuron, for the first time. (This involves piercing the membrane of a neuron with an invisibly sharp glass pipette.) Markram’s technical innovation was “patching” multiple neurons at the same time, so that he could eavesdrop on their interactions. This experimental breakthrough promised to shed light on one of the enduring mysteries of the brain, which is how billions of discrete cells weave themselves into functional networks. In a series of elegant papers published in the late 1990s, Markram was able to show that these electrical conversations were incredibly precise. If, for example, he delayed a neuron’s natural firing time by just a few milliseconds, the entire sequence of events was disrupted. The connected cells became strangers to one another.
When Markram looked closer at the electrical language of neurons, he realized that he was staring at a code he couldn’t break. “I would observe the cells and I would think, ‘We are never going to understand the brain.’ Here is the simplest possible circuit—just two neurons connected to each other—and I still couldn’t make sense of it. It was still too complicated.”

Cables running from the Blue Gene/L supercomputer to the storage unit. The 2,000-microchip Blue Gene machine is capable of processing 22.8 trillion operations per second—just enough to model a 1-cubic-mm column of rat brain. Courtesy of Alain Herzog/EPFLNeuroscience is a reductionist science. It describes the brain in terms of its physical details, dissecting the mind into the smallest possible parts. This process has been phenomenally successful. Over the last 50 years, scientists have managed to uncover a seemingly endless list of molecules, enzymes, pathways, and genes. The mind has been revealed as a Byzantine machine. According to Markram, however, this scientific approach has exhausted itself. “I think that reductionism peaked five years ago,” he says. “This doesn’t mean we’ve completed the reductionist project, far from it. There is still so much that we don’t know about the brain. But now we have a different, and perhaps even harder, problem. We’re literally drowning in data. We have lots of scientists who spend their life working out important details, but we have virtually no idea how all these details connect together. Blue Brain is about showing people the whole.”
In other words, the Blue Brain project isn’t just a model of a neural circuit. Markram hopes that it represents a whole new kind of neuroscience. “You need to look at the history of physics,” he says. “From Copernicus to Einstein, the big breakthroughs always came from conceptual models. They are what integrated all the facts so that they made sense. You can have all the data in the world, but without a model the data will never be enough.”
Markram has good reason to cite physics—neuroscience has almost no history of modeling. It’s a thoroughly empirical discipline, rooted in the manual labor of molecular biology. If a discovery can’t be parsed into something observable—like a line on a gel or a recording from a neuron—then, generally, it’s dismissed. The sole exception is computational neuroscience, a relatively new field that also uses computers to model aspects of the mind. But Markram is dismissive of most computational neuroscience. “It’s not interested enough in the biology,” he says. “What they typically do is begin with a brain function they want to model”—like object detection or sentence recognition—“and then try to see if they can get a computer to replicate that function. The problem is that if you ask a hundred computational neuroscientists to build a functional model, you’ll get a hundred different answers. These models might help us think about the brain, but they don’t really help us understand it. If you want your model to represent reality, then you’ve got to model it on reality.”
Of course, the hard part is deciphering that reality in the first place. You can’t simulate a neuron until you know how a neuron is supposed to behave. Before the Blue Brain team could start constructing their model, they needed to aggregate a dizzying amount of data. The collected works of modern neuroscience had to be painstakingly programmed into the supercomputer, so that the software could simulate our hardware. The problem is that neuroscience is still woefully incomplete. Even the simple neuron, just a sheath of porous membrane, remains a mostly mysterious entity. How do you simulate what you can’t understand?
Markram tried to get around “the mystery problem” by focusing on a specific section of a brain: a neocortical column in a two-week-old rat. A neocortical column is the basic computational unit of the cortex, a discrete circuit of flesh that’s 2 mm long and 0.5 mm in diameter. The gelatinous cortex consists of thousands of these columns—each with a very precise purpose, like processing the color red or detecting pressure on a patch of skin, and a basic structure that remains the same, from mice to men. The virtue of simulating a circuit in a rodent brain is that the output of the model can be continually tested against the neural reality of the rat, a gruesome process that involves opening up the skull and plunging a needle into the brain. The point is to electronically replicate the performance of the circuit, to build a digital doppelganger of a biological machine.
Felix Schürmann, the project manager of Blue Brain, oversees this daunting process. He’s 30 years old but looks even younger, with a chiseled chin, lean frame, and close-cropped hair. His patient manner is that of someone used to explaining complex ideas in simple sentences. Before the Blue Brain project, Schürmann worked at the experimental fringes of computer science, developing simulations of quantum computing. Although he’s since mastered the vocabulary of neuroscience, referencing obscure acronyms with ease, Schürmann remains most comfortable with programming. He shares a workspace with an impressively diverse group—the 20 or so scientists working full-time on Blue Brain’s software originate from 14 different countries. When we enter the hushed room, the programmers are all glued to their monitors, fully absorbed in the hieroglyphs on the screen. Nobody even looks up. We sit down at an empty desk and Schürmann opens his laptop.
The computer screen is filled with what look like digitally rendered tree branches. Schürmann zooms out so that the branches morph into a vast arbor, a canopy so dense it’s practically opaque. “This,” he proudly announces, “is a virtual neuron. What you’re looking at are the thousands of synaptic connections it has made with other [virtual] neurons.” When I look closely, I can see the faint lines where the virtual dendrites are subdivided into compartments. At any given moment, the supercomputer is modeling the chemical activity inside each of these sections so that a single simulated neuron is really the sum of 400 independent simulations. This is the level of precision required to accurately imitate just one of the 100 billion cells—each of them unique—inside the brain. When Markram talks about building a mind from the “bottom-up,” these intracellular compartments are the bottom. They are the fundamental unit of the model.
But how do you get these simulated compartments to act in a realistic manner? The good news is that neurons are electrical processors: They represent information as ecstatic bursts of voltage, just like a silicon microchip. Neurons control the flow of electricity by opening and closing different ion channels, specialized proteins embedded in the cellular membrane. When the team began constructing their model, the first thing they did was program the existing ion channel data into the supercomputer. They wanted their virtual channels to act just like the real thing. However, they soon ran into serious problems. Many of the experiments used inconsistent methodologies and generated contradictory results, which were too irregular to model. After several frustrating failures—“The computer was just churning out crap,” Markram says—the team realized that if they wanted to simulate ion channels, they needed to generate the data themselves.
That’s when Schürmann leads me down the hall to Blue Brain’s “wet lab.” At first glance, the room looks like a generic neuroscience lab. The benches are cluttered with the usual salt solutions and biotech catalogs. There’s the familiar odor of agar plates and astringent chemicals. But then I notice, tucked in the corner of the room, is a small robot. The machine is about the size of a microwave, and consists of a beige plastic tray filled with a variety of test tubes and a delicate metal claw holding a pipette. The claw is constantly moving back and forth across the tray, taking tiny sips from its buffet of different liquids. I ask Schürmann what the robot is doing. “Right now,” he says, “it’s recording from a cell. It does this 24 hours a day, seven days a week. It doesn’t sleep and it never gets frustrated. It’s the perfect postdoc.”
The science behind the robotic experiments is straightforward. The Blue Brain team genetically engineers Chinese hamster ovary cells to express a single type of ion channel—the brain contains more than 30 different types of channels—then they subject the cells to a variety of physiological conditions. That’s when the robot goes to work. It manages to “patch” a neuron about 50 percent of the time, which means that it can generate hundreds of data points a day, or about 10 times more than an efficient lab technician. Markram refers to the robot as “science on an industrial scale,” and is convinced that it’s the future of lab work. “So much of what we do in science isn’t actually science,” he says, “I say let robots do the mindless work so that we can spend more time thinking about our questions.”
According to Markram, the patch clamp robot helped the Blue Brain team redo 30 years of research in six months. By analyzing the genetic expression of real rat neurons, the scientists could then start to integrate these details into the model. They were able to construct a precise map of ion channels, figuring out which cell types had which kind of ion channel and in what density. This new knowledge was then plugged into Blue Brain, allowing the supercomputer to accurately simulate any neuron anywhere in the neocortical column. “The simulation is getting to the point,” Schürmann says, “where it gives us better results than an actual experiment. We get the same data, but with less noise and human error.” The model, in other words, has exceeded its own inputs. The virtual neurons are more real than reality.
In theory, this meant that once the Blue Brain team created an accurate model of a single neuron, they could multiply it to get a three-dimensional slice of brain. But that was just theory. Nobody knew what would happen when the supercomputer began simulating thousands of brain cells at the same time. “We were all emotionally prepared for failure,” Markram says. “But I wasn’t so prepared for what actually happened.”
After assembling a three-dimensional model of 10,000 virtual neurons, the scientists began feeding the simulation electrical impulses, which were designed to replicate the currents constantly rippling through a real rat brain. Because the model focused on one particular kind of neural circuit—a neocortical column in the somatosensory cortex of a two-week-old rat—the scientists could feed the supercomputer the same sort of electrical stimulation that a newborn rat would actually experience.
It didn’t take long before the model reacted. After only a few electrical jolts, the artificial neural circuit began to act just like a real neural circuit. Clusters of connected neurons began to fire in close synchrony: the cells were wiring themselves together. Different cell types obeyed their genetic instructions. The scientists could see the cellular looms flash and then fade as the cells wove themselves into meaningful patterns. Dendrites reached out to each other, like branches looking for light. “This all happened on its own,” Markram says. “It was entirely spontaneous.” For the Blue Brain team, it was a thrilling breakthrough. After years of hard work, they were finally able to watch their make-believe brain develop, synapse by synapse. The microchips were turning themselves into a mind.
But then came the hard work. The model was just a first draft. And so the team began a painstaking editing process. By comparing the behavior of the virtual circuit with experimental studies of the rat brain, the scientists could test out the verisimilitude of their simulation. They constantly fact-checked the supercomputer, tweaking the software to make it more realistic. “People complain that Blue Brain must have so many free parameters,” Schürmann says. “They assume that we can just input whatever we want until the output looks good. But what they don’t understand is that we are very constrained by these experiments.” This is what makes the model so impressive: It manages to simulate a real neocortical column—a functional slice of mind—by simulating the particular details of our ion channels. Like a real brain, the behavior of Blue Brain naturally emerges from its molecular parts.
In fact, the model is so successful that its biggest restrictions are now technological. “We have already shown that the model can scale up,” Markram says. “What is holding us back now are the computers.” The numbers speak for themselves. Markram estimates that in order to accurately simulate the trillion synapses in the human brain, you’d need to be able to process about 500 petabytes of data (peta being a million billion, or 10 to the fifteenth power). That’s about 200 times more information than is stored on all of Google’s servers. (Given current technology, a machine capable of such power would be the size of several football fields.) Energy consumption is another huge problem. The human brain requires about 25 watts of electricity to operate. Markram estimates that simulating the brain on a supercomputer with existing microchips would generate an annual electrical bill of about $3 billion . But if computing speeds continue to develop at their current exponential pace, and energy efficiency improves, Markram believes that he’ll be able to model a complete human brain on a single machine in ten years or less.
For now, however, the mind is still the ideal machine. Those intimidating black boxes from IBM in the basement are barely sufficient to model a thin slice of rat brain. The nervous system of an invertebrate exceeds the capabilities of the fastest supercomputer in the world. “If you’re interested in computing,” Schürmann says, “then I don’t see how you can’t be interested in the brain. We have so much to learn from natural selection. It’s really the ultimate engineer.”
Neuroscience describes the brain from the outside. It sees us through the prism of the third person, so that we are nothing but three pounds of electrical flesh. The paradox, of course, is that we don’t experience our matter. Self-consciousness, at least when felt from the inside, feels like more than the sum of its cells. “We’ve got all these tools for studying the cortex,” Markram says. “But none of these methods allows us to see what makes the cortex so interesting, which is that it generates worlds. No matter how much I know about your brain, I still won’t be able to see what you see.”
Some philosophers, like Thomas Nagel, have argued that this divide between the physical facts of neuroscience and the reality of subjective experience represents an epistemological dead end. No matter how much we know about our neurons, we still won’t be able to explain how a twitch of ions in the frontal cortex becomes the Technicolor cinema of consciousness.
Markram takes these criticisms seriously. Nevertheless, he believes that Blue Brain is uniquely capable of transcending the limits of “conventional neuroscience,” breaking through the mind-body problem. According to Markram, the power of Blue Brain is that it can transform a metaphysical paradox into a technological problem. “There’s no reason why you can’t get inside Blue Brain,” Markram says. “Once we can model a brain, we should be able to model what every brain makes. We should be able to experience the experiences of another mind.”
When listening to Markram speculate, it’s easy to forget that the Blue Brain simulation is still just a single circuit, confined within a silent supercomputer. The machine is not yet alive. And yet Markram can be persuasive when he talks about his future plans. His ambitions are grounded in concrete steps. Once the team is able to model a complete rat brain—that should happen in the next two years—Markram will download the simulation into a robotic rat, so that the brain has a body. He’s already talking to a Japanese company about constructing the mechanical animal. “The only way to really know what the model is capable of is to give it legs,” he says. “If the robotic rat just bumps into walls, then we’ve got a problem.”
Installing Blue Brain in a robot will also allow it to develop like a real rat. The simulated cells will be shaped by their own sensations, constantly revising their connections based upon the rat’s experiences. “What you ultimately want,” Markram says, “is a robot that’s a little bit unpredictable, that doesn’t just do what we tell it to do.” His goal is to build a virtual animal—a rodent robot—with a mind of its own.
But the question remains: How do you know what the rat knows? How do you get inside its simulated cortex? This is where visualization becomes key. Markram wants to simulate what that brain experiences. It’s a typically audacious goal, a grand attempt to get around an ancient paradox. But if he can really find a way to see the brain from the inside, to traverse our inner space, then he will have given neuroscience an unprecedented window into the invisible. He will have taken the self and turned it into something we can see.
Schürmann leads me across the campus to a large room tucked away in the engineering school. The windows are hermetically sealed; the air is warm and heavy with dust. A lone Silicon Graphics supercomputer, about the size of a large armoire, hums loudly in the center of the room. Schürmann opens the back of the computer to reveal a tangle of wires and cables, the knotted guts of the machine. This computer doesn’t simulate the brain, rather it translates the simulation into visual form. The vast data sets generated by the IBM supercomputer are rendered as short films, hallucinatory voyages into the deep spaces of the mind. Schürmann hands me a pair of 3-D glasses, dims the lights, and starts the digital projector. The music starts first, “The Blue Danube” by Strauss. The classical waltz is soon accompanied by the vivid image of an interneuron, its spindly limbs reaching through the air. The imaginary camera pans around the brain cell, revealing the subtle complexities of its form. “This is a random neuron plucked from the model,” Schürmann says. He then hits a few keys and the screen begins to fill with thousands of colorful cells. After a few seconds, the colors start to pulse across the network, as the virtual ions pass from neuron to neuron. I’m watching the supercomputer think.
Rendering cells is easy, at least for the supercomputer. It’s the transformation of those cells into experience that’s so hard. Still, Markram insists that it’s not impossible. The first step, he says, will be to decipher the connection between the sensations entering the robotic rat and the flickering voltages of its brain cells. Once that problem is solved—and that’s just a matter of massive correlation—the supercomputer should be able to reverse the process. It should be able to take its map of the cortex and generate a movie of experience, a first person view of reality rooted in the details of the brain. As the philosopher David Chalmers likes to say, “Experience is information from the inside; physics is information from the outside.” By shuttling between these poles of being, the Blue Brain scientists hope to show that these different perspectives aren’t so different at all. With the right supercomputer, our lucid reality can be faked.
“There is nothing inherently mysterious about the mind or anything it makes,” Markram says. “Consciousness is just a massive amount of information being exchanged by trillions of brain cells. If you can precisely model that information, then I don’t know why you wouldn’t be able to generate a conscious mind.” At moments like this, Markram takes on the deflating air of a magician exposing his own magic tricks. He seems to relish the idea of “debunking consciousness,” showing that it’s no more metaphysical than any other property of the mind. Consciousness is a binary code; the self is a loop of electricity. A ghost will emerge from the machine once the machine is built right.
And yet, Markram is candid about the possibility of failure. He knows that he has no idea what will happen once the Blue Brain is scaled up. “I think it will be just as interesting, perhaps even more interesting, if we can’t create a conscious computer,” Markram says. “Then the question will be: ‘What are we missing? Why is this not enough?’”
Niels Bohr once declared that the opposite of a profound truth is also a profound truth. This is the charmed predicament of the Blue Brain project. If the simulation is successful, if it can turn a stack of silicon microchips into a sentient being, then the epic problem of consciousness will have been solved. The soul will be stripped of its secrets; the mind will lose its mystery. However, if the project fails—if the software never generates a sense of self, or manages to solve the paradox of experience—then neuroscience may be forced to confront its stark limitations. Knowing everything about the brain will not be enough. The supercomputer will still be a mere machine. Nothing will have emerged from all of the information. We will remain what can’t be known.
Quellenangaben: Text: seedmagazine.com; Bild: Dr. Pablo de Heras Ciechomski/Visualbiotech;
Brain Networks Laboratory
The knife-edge scanning microscope
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The Brain Networks Laboratory is affiliated with the Computer Science Division of the Texas Engineering Experiment Station (TEES). Directed by Dr. Yoonsuck Choe (formerly by Dr. Bruce H. McCormick), the laboratory is part of the Department of Computer Science at Texas A&M University and is located in the H.R. Bright Building on campus.

The Brain Networks Lab houses the knife-edge scanning microscope (KESM), an innovative sectioning and imaging instrument for submicron-level (300nm) investigation of biological tissue volumes (such as entire mouse brains). Major research efforts are focused on the KESM, from volume data acquisition and 3D reconstruction to storage clusters and network connectivity analysis. The instrument, operating at 180MB/s data acquisition rates, enables complete scanning of a 1cm3 block of tissue (e.g., a mouse brain) in less than 100 hours, producing ~7 terabytes of data. Our research team has expertise ranging from neuroanatomy, microscopic instrumentation, image processing, 3D graphics, storage and clustering, pattern recognition, to computational neuroscience.

The predecessor of the laboratory, the Scientific Visualization Laboratory, was established in 1987 as a result of Dr. McCormick's participation as chair of the NSF panel that recommended a national program in scientific visualization. The laboratory was recently renamed to reflect its research focus today on brain mapping and cortical network modeling.
Quellenangaben: Text: Brain Networks Laboratory; Texas A&M University; Bild oben links: Brain Networks Laboratory; Texas A&M University; Bild oben rechts: Brain Networks Laboratory; Texas A&M University; Bild unten links: Brain Networks Laboratory; Texas A&M University; Bild unten rechts: Brain Networks Laboratory; Texas A&M University;
The Brain Unmasked
New imaging technologies reveal the intricate architecture of the brain, creating a blueprint of its connectivity.
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The typical brain scan shows a muted gray rendering of the brain, easily distinguished by a series of convoluted folds. But according to Van Wedeen, a neuroscientist at Massachusetts General Hospital, in Boston, that image is just a shadow of the real brain. The actual structure--a precisely organized tangle of nerve cells and the long projections that connect them--has remained hidden until relatively recently.

Traditional magnetic resonance imaging, or MRI, can detect the major anatomical features of the brain and is often used to diagnose strokes and brain tumors. But advances in computing power and novel processing algorithms have allowed scientists to analyze the information captured during an MRI in completely new ways.

Diffusion spectrum imaging (DSI) is one of these twists. It uses magnetic resonance signals to track the movement of water molecules in the brain: water diffuses along the length of neural wires, called axons. Scientists can use these diffusion measurements to map the wires, creating a detailed blueprint of the brain's connectivity.
On the medical side, radiologists are beginning to use the technology to map the brain prior to surgery, for example, to avoid important fiber tracts when removing a brain tumor. Wedeen and others are now using diffusion imaging to better understand the structures that underlie our ability to see, to speak, and to remember. Scientists also hope that the techniques will grant new insight into diseases linked to abnormal wiring, such as schizophrenia and autism.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; The Brain Unmasked; Bild oben links: Guangping Dai, Ruopeng Wang, Jeremy Schmahmann, Van Wedeen, MGH; Bild oben rechts: Guangping Dai, Ruopeng Wang, Jeremy Schmahmann, Van Wedeen, MGH; Bild unten links: Guangping Dai, Ruopeng Wang, Jeremy Schmahmann, Van Wedeen, MGH; Bild unten rechts: Guangping Dai, Ruopeng Wang, Jeremy Schmahmann, Van Wedeen, MGH;
Diffusion spectrum imaging
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To generate diffusion images, scientists scan the brain, much as they would with a patient undergoing a medical MRI. The data collected during the scan is then analyzed using specialized algorithms to produce an image like this one, which shows the brain of a healthy human volunteer. Each fiber in the image represents hundreds to thousands of individual neural fibers in the brain, which are impossible to distinguish even with a high-power brain scanner.
Quellenangaben: Text: MIT Technology Review; The Brain Unmasked; Bild: Guangping Dai, Ruopeng Wang, Jeremy Schmahmann, Van Wedeen, MGH;
Re-Visualisation of MRI
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Quellenangaben: Bild: Sabine McNeill;
Wie eine Luftbildaufnahme im Nebel
Bisher war viel mehr vom Individuum und seinem Gehirn, seinem Gedächtnis und seiner Persönlichkeit die Rede als von der sozialen Situation, in der es sich befindet. Diese Schlagseite in der Perspektive kennzeichnet den weit überwiegenden Teil der neurowissenschaftlichen Literatur, die sich mit der Entwicklung des Gehirns, des Gedächtnisses und der Persönlichkeit beschäftigt. Das ist kein Wunder, denn schon die Vorgänge, mit denen man es bei der Gehirnentwicklung eines einzelnen Menschen zu tun hat, überschreiten in ihrer Komplexität schnell unser Vorstellungsvermögen - und schneller noch die Möglichkeit, die diesbezüglichen Annahmen, Vorstellungen und Modelle empirisch zu prüfen. Der Einfluss einer besonderen Interaktionssituation zwischen Mutter und Kind auf die Strukturierung eines bestimmten Engramms im Gehirn des Kindes (oder der Mutter) lässt sich nicht abbilden, nur erschliessen. Der schon zitierte Neurobiologe Gerald Heuther hat den gegenwärtigen Entwicklungsstand unseres Wissnes um diese Einflüsse denn auch etwas melanchlisch beschrieben. Er spricht von bio-psycho-sozial gebahnten neuronalen Verschaltungen, betont aber, dass die bildgebenden Verfahren, mit denen man Gehirnaktivität in unterschiedlichen Arealen und Organen des gehirns messen kann, noch weit entfernt davon seien, "diese Bahnungsprozesse darstellen zu können. Was wir mit diesen Techniken gegenwärtig erreichen können, ist bestenfalls vergleichbar mit dem, was Luftbildaufnahmen einer Grosstadt im Nebel über das Lebe der Menschen in dieser Stadt aussagen. Wir können die Lage und Grösse einzelner Stadtteile und die bereits besonders befahrenen Verbindungsstrassen vermessen. Mit Hilfe funktioneller Verfahren lässt sich erkennen, in welchen Regionen mormalerweise mehr Betriebsamkeit herrscht und wie sich die Verhätlnisse verändern, wenn mehr oder weniger gezielt in das alltägliche Getriebe eingegriffen wird. Mit Hilfe von PET- und SPECT-Verfahren lässt sich die Verteilung spezifischer (wie wir hoffen, besonders wichtiger) Komponenten aus dem Nebel hervorheben und kariteren, vielleicht auch beschreiben, wie sich dieses Verteilungsmuster nach bestimmten Manipulationen ändert. Ob die betreffende Stadt aber gut oder schlecht organisiert ist, von wem und wohin die Haushaltsmittel gelenkt werden und was die Menschen bewegt, ihre Stadt so und nicht anders zu gestalten, darüber geben die bildgebenden Verfahren nur sehr verschwommen Auskunft."
Dieser Befund ist, so melancholisch er daherkommt, gewiss richtig. Wenn es aber zutreffend ist, dass das Gehirn ein erfahrungsabhängiges Wandlungskontinuum ist, kommen wir vielleicht auch nicht sehr viel weiter, solagen wir nur es selbst betrachten und nicht die Art und Weise, wie Erfahrungen an es herangetragen werden. Für eine bessere Durchdringung des Luftbildes von der "Stadt im Nebel" könnte es hilfreich sein, genauer zu betrachten, was denn die Faktoren und Prozesse sind, die jene Erfahrungen ausbilden, deren Korrelate die neuronalen Repräsentationen sind, die das sich entwickelnde Gehrin strukturieren und prägen. Diese Faktoren sind andere Menschen, und die Prozesse bestehen in der Bewältigung der Anforderungen, die das Zusammensein mit anderen an das Kind stellt. Der Nebel über der Stadt wird sich nur lichten lassen, wenn wir nicht nur die Ergebnisse von Interaktionsverfahren betrachten (oder zu betrachten versuchen), sondern die Interaktion selbst, die die Erfahrungen hervorbringen. Dafür allerdings muss das Individuum als teil einer sozialen Figuration betrachtet werden, in der es eine aktive Rolle einnimmt und in subtiler Abstimmung mit den Handlungen seiner Bezugspersonen eine innere Welt aufbaut, indem es mit der äusseren interagiert. Das bedeutet, das akind(und sein sich entwickelndes Gehrin) nicht als etwas zu betrachten, das "Informationen verinnerlicht", die von aussen hereinströmen, sondern dass es selbst immer schon Teil dessen ist, was es erfährt, weil es Erfahrungen immer nur in der Relation seiner selbst zu anderen machen kann.
Weil diese anderen Mitgleider einer Kultur sind und weil ihr Wissen und ihr Handeln eine Geschichte haben, gehen Kinder nicht mit "Inforamtionen" im Sinne von Reizen und Signalen um, sondern mit Handlungen, die für sie Bedeutung haben. Die Repräsentationen dieser Handlungserfahrungen kommen nicht von aussen, sondern entstehen im Inneren des Kindes als - wie der Entwicklungspsychologe Daniel Stern sagt - Repräsentation der Erfahrung des beginnenden Selbst, mit jemandem zusammenzusein. " In die Innenweilt wird nichts hineingenommen. Selbst wenn der Säugling jemanden nachahmt und in diesem Moment wie der andere handelt und fühlt, wird er eine Repräsentation daovn aufzubauen beginnen, wie er selbst sich, in sienem eigenen Innern, fühlt, während er auf diese bestimmte Weise mit anderen zusammen ist." 
Quellenangaben: Text: Harald Welzer; Das kommunikative Gedächtnis